Ralf Schanze, Chefredakteur 1200Grad.

Sind Arbeitsplätze wichtiger als Menschenleben?

Die Fliesenbranche sollte in Europa näher zusammenrücken

Die Fliesenhersteller aus Europa sind leider ganz wesentlich vom Gas aus Russland abhängig sowie von Tonen aus der Ukraine. Von den sekundären Folgen des Ukraine-Krieges, wie einer steigenden Inflation, gestörten Lieferketten etc., wollen wir hier erst gar nicht sprechen.

Deutschland gilt aktuell als Haupthinderungsgrund für schärfere Maßnahmen gegen Russland. Anscheinend hat sich die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt leider von einem ehemaligen KGB-Agenten in eine Energiefalle locken lassen, wie es die WELT vor kurzem beschrieb. Selbst Italien, das ähnlich wie Deutschland stark von Gaslieferungen abhängig ist und noch deutlich mehr Fliesenhersteller zählt, hat inzwischen einen Schwenk vollzogen. „Wir werden kein Veto einlegen gegen Sanktionen gegen russischen Gas“, kündigte Italiens Außenminister Luigi Di Maio an. Fakt ist: Der Krieg kostet immer mehr Zivilisten das Leben, dennoch scheint der deutsche Blick auf Russland weiterhin von wirtschaftlichen Interessen vernebelt zu sein, so der Spiegel. Jedenfalls wächst in der Ukraine die Wut auf Deutschland.

Angesichts der grausamen Bilder aus Butscha und Mariupol können unsere demokratischen Strukturen aber nur eine Antwort haben. Und diese lautet, Russland mit noch wirkungsvolleren Sanktionen entgegenzutreten. Sanktionen, die auch uns allen weh tun werden. Dazu gehört der langfristige Verzicht auf russisches Gas. Das Meinungsforschungsinstitut forsa hat übrigens im Auftrag von RTL und ntv ermittelt, dass 43 Prozent der Bundesbürger zu einem Verzicht auf Gas aus Russland bereit wären.

Man kann sich selber schnell ausrechnen, dass die Fliesenbranche als einer der ersten Branchen davon massiv betroffen sein würde. Wenn der Gashahn aus Russland ganz zugedreht wird – ob erzwungen oder freiwillig – wird das zahlreiche Werksschließungen in der Fliesenbranche in Europa zur Folge haben, eventuell sogar Insolvenzen, Arbeitslose sowie weiter betroffene wirtschaftliche Randbereiche, wie Messen, Händler, Verarbeiter etc.

Diesen weltpolitischen Entwicklungen kann man sich nicht verschließen oder gar entziehen. Also was kann die Fliesenbranche tun, um diese extrem schwierige Situation für alle Beteiligten zu entschärfen?

Die Antwort heißt „miteinander“! Fast alle Hersteller in Europa schätzen sich untereinander. Firmenchefs und Geschäftsführer, Vertriebsleute und Außendienstler kennen sich zum Teil sogar persönlich seit vielen Jahren oder Jahrzehnten. Von Messen, gemeinsamen Geschäften, der Arbeit in Verbänden etc. Denn die Fliesenbranche ist eine kleine und übersichtliche, ja fast familiäre Branche. Das ist ein großer Vorteil, den man für sich nutzen sollte! Auch die Hersteller wiederum kennen ihre Kunden, wie Händler und Verleger, mindestens ebenso gut.

Also setzt Euch zusammen, tauscht Euch aus, kooperiert, helft Euch gegenseitig – natürlich unter Einhaltung aller Compliance-Regeln. Liefert Euch gegenseitig Ware, Rohstoffe. Sprecht miteinander über Probleme, Lieferungen, Engpässe. Seid tolerant miteinander, wenn etwas nicht klappt, habt Verständnis füreinander. Für Preiserhöhungen, Lieferprobleme, Existenzängste. Kooperation und Partnerschaft ist das Gebot der Stunde.

Vielleicht könnte es sogar einen europäischen runden Tisch der Fliesenbranche geben, an dem man sich noch besser, effektiver, schneller abstimmen könnte? Denn die Fliesenbranche hat keine Zeit zu verlieren, wenn sie nicht als großer Verlierer aus dieser Krise hervorgehen will.

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