Die Fliesenleger-Branche in Österreich steht aktuell vor einer schwierigen wirtschaftlichen Lage: hohe Energiepreise, hohe Inflation und eine Baukonjunktur, die nur langsam wieder in Schwung kommt, machen den Betrieben zu schaffen. Mittel- und langfristig beschäftigt die Branche zudem der Fachkräftemangel. Dem will man mit Maßnahmen gegensteuern, die die Attraktivität des Berufsbilds zeigen sollen, wie z.B. der wachsende Einfluss von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz im Berufsalltag. Andreas Höller ist Bundesinnungsmeister der Hafner, Platten- und Fliesenleger und Keramiker, selbst gelernter Fliesenleger und Inhaber eines Betriebes in der Steiermark. Im Interview spricht er über die aktuelle Lage der Betriebe, die Rolle der Bundesinnung und Forderungen an die Politik für eine wirtschaftliche Wende.
1200 Grad: Wie schätzen Sie die aktuelle wirtschaftliche Lage in den drei Gewerken ein, speziell vor dem Hintergrund der gestiegenen Inflation und der gestiegenen Zinsen?
Andreas Höller: Das ist schwer zu beurteilen, weil es regional sehr unterschiedlich ist. Im Ballungsraum, etwa in Wien, läuft es sicher deutlich besser. Dort wird viel gebaut, auch weil es ein größerer Markt mit mehr Objekten ist. In Regionen mit viel Hotellerie läuft es ebenfalls besser. In anderen Gebieten, etwa in meiner Region oder allgemein über Österreich verteilt, höre ich von vielen Betrieben Berichte über eine schwierige, unsichere Lage. Anfragen sind zwar da, aber sehr kurzfristig – langfristig planbar ist wenig. Und genau das belastet die Betriebe extrem.
1200 Grad: Welche Betriebsgrößen betrifft diese Entwicklung am meisten?
Andreas Höller: Ich glaube, dass die ganz kleinen Betriebe, also die Ein-Personen-Unternehmen, damit flexibler umgehen können. Natürlich spüren auch sie die Lage, aber sie können leichter reagieren, weil ihre Fixkosten überschaubarer sind. Die klein- bis mittelgroßen Betriebe haben dagegen ordentliche Herausforderungen, weil sie Fixkosten, Mieten und vor allem die weiter steigenden Energiekosten stark belasten. Dazu kommen die vielen Lohnerhöhungen der letzten Jahre. Auch die ganz großen Betriebe, die von großen Objekten abhängig sind, haben durchaus ihre Herausforderungen.
1200 Grad: Geht es in dieser wirtschaftlichen Situation schon konkret um die Existenz von Betrieben, bzw. wird tatsächlich Personal abgebaut?
Andreas Höller: Ich weiß, dass sehr viele Betriebe darum kämpfen, ihre Mitarbeiter zu halten. Das Thema ist ähnlich wie während der Corona-Zeit, etwa in der Gastronomie: Wenn Fachkräfte abwandern, vielleicht sogar in andere Branchen, bekommen wir sie oft nicht mehr zurück. Deshalb weiß ich, dass viele Betriebe stark kämpfen und ihre Reserven nutzen, sofern sie welche haben. Mir sind darüber hinaus, auch im Hafner-Bereich, leider bereits Insolvenzen bekannt – ebenso bei Zulieferern unserer Betriebe.
Ich weiß, dass sehr viele Betriebe darum kämpfen, ihre Mitarbeiter zu halten.
1200 Grad: Gibt es ein echtes Licht am Ende des Tunnels und wie schätzen Sie die Entwicklung für das Baunebengewerbe ein?
Andreas Höller: Bis Februar, bevor der Iran-Krieg ausgebrochen ist, war tatsächlich ein Anstieg spürbar, und man hat eine positive Stimmung gemerkt – da war Hoffnung und tatsächlich schon ein Licht da. Aber durch die aktuelle weltwirtschaftliche Situation ist das wieder ins Wanken geraten. Zuerst muss das Bauhauptgewerbe wieder in Schwung kommen, damit das Baunebengewerbe überhaupt davon profitieren kann. Ich glaube, es ist noch eine Zeit lang durchzukämpfen. Und ich hoffe, dass die Betriebe die Kraft, die Ausdauer und den Willen haben, das durchzuziehen. Ich bin überzeugt, dass gerade das Handwerk danach durchstarten kann und mehr Chancen hat, weil die Industrie es noch schwerer haben wird.
Ich glaube, es ist noch eine Zeit lang durchzukämpfen.
1200 Grad: Wie schätzen Sie die aktuelle Verteilung zwischen Sanierung und Neubau ein?
Andreas Höller: Meinem Gefühl nach dürfte es ziemlich ausgeglichen sein, eher mit einem leichten Übergewicht bei der Sanierung. Das ist ja nicht nur ein wirtschaftliches Thema, sondern mittlerweile auch ein Umweltthema: Wenn größere Einfamilienhäuser oder Bauernhöfe für mehrere Generationen umgebaut statt neu gebaut werden, sinkt der Flächenverbrauch und damit die Zersiedelung. Da zeichnet sich ein Trend mit neuen Herausforderungen ab.
1200 Grad: Wie entwickelt sich das Interesse junger Mitarbeiter an der Meisterausbildung in den Gewerken, und welche Maßnahmen setzt die Innung, um das zu fördern?
Andreas Höller: Die meisten Meisterprüfungen gibt es derzeit bei den Keramikern – dort ist ein unglaublicher Schub entstanden, die Kurse sind voll, und das ist der stärkste Anstieg, nachdem es dort bis vor drei Jahren kaum Meisterprüfungen gab. Bei den Fliesenlegern und bei den Hafnern tröpfelt es weiter, also ohne extreme Anstiege, aber einigen jungen Leuten ist das Thema Meister durchaus wichtig. Der Staat übernimmt mittlerweile die Kosten der Meisterprüfung, das war ein größerer Schritt und hat sicher einige motiviert. Die Maßnahmen der Innungen sind zudem, die Kurse attraktiver zu machen und den Zugang zu erleichtern, etwa durch mehr, aber zentralisierte Kursangebote – bei den Fliesenlegern haben wir das jetzt in Tirol und im Burgenland. Durch die Ausbildungspyramide, in der der Meister deutlich angehoben wurde, ist das Interesse insgesamt wieder größer geworden. Das ist aber nicht nur Aufgabe einer einzelnen Innung, sondern hier ist auch die Politik gefordert.
1200 Grad: Inwieweit tragen die Skills-Wettbewerbe dazu bei, den Stellenwert des Handwerks zu zeigen und mehr junge Leute für den Beruf zu gewinnen?
Andreas Höller: Ich glaube, dass das für viele sehr ansprechend ist. Die Dynamik, die dadurch entstanden ist – in Österreich, aber auch in Deutschland, der Schweiz und Südtirol – ist unglaublich, das ist eine richtige Großveranstaltung geworden. Allein bei den Fliesenlegern sind wir in den letzten Jahren sehr erfolgreich gewesen und haben eine Goldmedaille nach der anderen nach Österreich gebracht, ob bei Europa- oder Weltmeisterschaften. Das spricht sich herum: Man erkennt, dass mehr dahintersteckt, als nur Mörtel anzurühren, eine Fliese zu verlegen oder einen Ofen zu bauen. Es geht nicht mehr nur um den reinen Handwerksberuf, sondern auch darum, welche Rolle Digitalisierung und KI dabei spielen und wie sich die Berufe verändert haben – nicht nur beim Material und bei der Optik, sondern auch bei der Technik, der Bauweise und bei Schnellbausystemen. Ich glaube, dass die Berufe dadurch attraktiver geworden sind, und das ist gerade bei den Hafnern und Fliesenlegern deutlich spürbar.
Allein bei den Fliesenlegern sind wir in den letzten Jahren sehr erfolgreich gewesen und haben eine Goldmedaille nach der anderen nach Österreich gebracht, ob bei Europa- oder Weltmeisterschaften.
1200 Grad: Haben Sie den Eindruck, dass die Betriebe bei Digitalisierung und Handwerk 4.0 mithalten? Wie ist die Branche auf die KI-Ära vorbereitet?
Andreas Höller: Die jüngeren Betriebsinhaber wachsen ohnehin damit auf und haben meist einen sehr modernen Zugang, auch bei der digitalen Dokumentation der Baustellenabläufe. Das Manko sehe ich eher bei den älter eingesessenen Handwerksbetrieben, die sich mit dem Schritt noch schwerer tun. Gerade bei Spezial-Großformatfliesen, die für Bäder schon im Vorfeld angefertigt werden, oder bei keramischen Sanitärbereichen, die der Fliesenleger mittlerweile in Kooperation mit den Installateuren mitausführt, läuft schon vieles über digitale Aufnahme und Produktion. Die Innungen bieten dazu momentan sehr viele Vorträge und Schulungen an, etwa zu Angebotslegung, Terminplanung oder Materialbestellung. Auf der KOK Austria & Keramiko hat im Jänner 2026 eine praktische Demonstration stattgefunden: es gibt bereits erste Roboter, die herumfahren und Fliesen verlegen, gesteuert über entsprechende KI, etwa für die Fugeneinteilung. Der Handwerker wird dadurch aber nicht ersetzt, die Feinheiten bleiben weiterhin seine Aufgabe.
Es gibt bereits erste Roboter, die herumfahren und Fliesen verlegen.
1200 Grad: Was kann die Bundesinnung konkret tun, und was wäre Ihr wichtigstes politisches Signal, um eine wirtschaftliche Wende einzuleiten?
Andreas Höller: In Wahrheit ist der Bundesinnungsmeister vor allem ein Mediator, denn die Bundesinnung entscheidet nichts allein, sondern immer nur in Absprache mit den Landesinnungsmeistern. Wir versuchen, vieles im Vorfeld zu erkennen und in eine positive Richtung zu beeinflussen, auch wenn uns der Gesetzgeber für Stellungnahmen oft nur sehr kurze Zeit lässt. Für eine wirtschaftliche Wende wäre eigentlich vor allem der Abbau der Bürokratie entscheidend, dazu eine gezieltere Verteilung der Förderungen und dass die Zinsen nicht noch weiter steigen, denn steigende Kreditzinsen erschweren die Kreditaufnahme. Etwas leichter wäre es vermutlich, die Schwarzarbeit stärker in den Griff zu bekommen, denn sie nimmt den Betrieben viel Potenzial weg. Auch bei der Mehrwertsteuer sehe ich noch Potenzial – Slowenien hatte früher etwa einen reduzierten Steuersatz, wenn man Material und Handwerkerleistung gemeinsam gekauft hat, ähnlich wie bei unserem Handwerkerbonus.
1200 Grad: Sie gelten ja als jemand, der grundsätzlich optimistisch in die Zukunft des Handwerks blickt. Ist das eine ehrliche Einschätzung, oder gehört ein gewisser Zweckoptimismus zur Rolle als Bundesinnungsmeister dazu?
Andreas Höller: Ein gewisser Zweckoptimismus gehört sicher immer dazu. Aber grundsätzlich bin ich tatsächlich positiv eingestellt und überzeugt, dass es weitergeht – trotz vieler Rückschläge in letzter Zeit.
Langfristig bin ich überzeugt, dass sich die Lage für das Handwerk positiv entwickelt.





