Die Fotobox steht, der DJ macht die letzten Soundchecks und an der Bar wird der Aperitif eingeschenkt. Vor dem Hafenhaus stehen an diesem Tag zwei Beachflags. Gut darauf zu lesen: Fliesen- und Natursteinleger-Innung Oldenburg. Während Stefan Bohlken, der Obermeister der Innung, etwas aufgeregt die letzten Vorbereitungen trifft (edle schwarze Gliedermaßstäbe werden als Geschenk auf allen 113 Plätzen verteilt), setzt sich am anderen Ende der Stadt ein Taxi in Bewegung. Auf dessen Rückbank sitzt einer der vielen Gründe, die den Obermeister an diesem Abend etwas nervös machen.
Wirtschaftsminister hat Oldenburger Innung nicht vergessen
Eingeladen hatte man ihn natürlich – immerhin war er maßgeblich an dem Gesetz beteiligt, das allen Fliesenlegerinnen und Fliesenlegern in Deutschland bis heute eine solide Wirtschaftsgrundlage bietet. Dass er wirklich kommt, wollte aber keiner so recht glauben. Und dennoch steht er pünktlich um 17:00 Uhr vor der Tür: Ex-Wirtschaftsminister Peter Altmaier. Ihn und Obermeister Stefan Bohlken verbindet ein kurzes, aber sehr bedeutungsvolles Kapitel: Am 14. Februar 2020 trat nach 16 Jahren unregulierter Marktlage wieder die Meisterpflicht im Fliesenlegerhandwerk in Kraft.
Mit einer eigenen Social-Media-Aktion an der sich zahlreiche Größen aus Politik und Branche beteiligten, und einer bundesweiten Unterschriftensammlung hatte Obermeister Bohlken den Stein damals ins Rollen gebracht.
Was aus Stolz auf den Beruf und Qualitätsbewusstsein für die eigene Arbeit entstand, mündete in einer hartnäckigen Kampagne, die den damaligen Wirtschaftsminister Altmaier dazu veranlasste, der berechtigten Forderung nachzugehen. „Das war eines der ganz seltenen Gesetze, das von allen Fraktionen des Bundestags mitgetragen wurde“, erinnert sich der ehemalige Wirtschaftsminister in seinem Grußwort.
Seine Anwesenheit auf der Feier zum 50-jährigen Jubiläum der Innung hatte er selbst übrigens nie infrage gestellt: „Es gibt viele Ämter, bei denen man im Nachhinein nicht mehr genau weiß, was das eigentlich war, aber ich war eben auch einmal Oldenburger Kohlkönig – und das ist heute quasi eine Rückkehr in meine Stadt.“

Gratulation im Doppelpack: Kammerpräsident Eckhard Stein und sein Geschäftsführer Heiko Henke haben nicht nur eine Urkunde im Gepäck. (Bild: Kreishandwerkerschaft Oldenburg).
Zeitreise zurück zu den Anfängen der Innung
Auch Stefan Bohlken erinnert sich bei seinem Grußwort an eine Anekdote zur Rückvermeisterung: Als Dank für sein Engagement wollte er Altmaier als symbolische Geste dafür, dass er den Fliesenlegerberuf wieder ins Lot gebracht hatte, ein solches übergeben. Die Terminabstimmung gestaltete sich aufgrund des naturgemäß vollen Terminkalenders des Obermeisters jedoch als kompliziert: „Irgendwann sagte die Dame am Telefon, ob mir bewusst sei, dass die Bundesregierung und der Wirtschaftsminister mir bereits zweimal einen Termin vorgeschlagen hatten. Danach habe ich nur noch gefragt, wo wir hinkommen müssen.“
Dabei deutete 1976 nicht viel darauf hin, dass 50 Jahre später der erst dritte Obermeister der Innungshistorie eine solche Geschichte erzählen würde. „Der Fliesenleger legte noch in Mörtel, das staubige Baustellenradio spielte Daddy Cool von Boney M., Steve Jobs und Bill Gates tüftelten in ihren Garagen an urzeitlichen Computern und die Gurtpflicht für das Kfz wurde eingeführt“, fasst Bohlken zusammen.
Wie es damals zur eigenen Innung kam, erklärt Gründungsmitglied Hermann Fahling: „Hätte ich da schon gewusst, dass ich hier heute was sagen muss, wäre ich nicht dabei gewesen“, scherzt er und führt anschließend über die Anfänge der Fliesen- und Natursteinleger-Innung aus. Kerngedanke der Gründung: „Wir wollten unsere berufsspezifischen Interessen, die in der großen Baugewerken-Innung manchmal etwas untergingen, einfach besser vertreten wissen.“

Hat die Reise nach Oldenburg gerne angetreten: Ex-Wirtschaftsminister Peter Altmaier (Bild: Kreishandwerkerschaft Oldenburg)
Standing Ovations für den Obermeister
Neben Gründungsmitglied Fahling gehören weitere prominente Gäste zu den Gratulanten. Für Boris Jersch, den Oldenburger Kreishandwerksmeister, ist die verhältnismäßig junge Innung oft eine Inspirationsquelle: „Ihr habt viele gute Ideen und nehmt die anderen Innungen in unserem Haus mit. Das ist wertvoll.“ Eckhard Stein, Präsident der Handwerkskammer Oldenburg, hat mit der Goldenen Ehrenurkunde zum Innungsjubiläum ein besonderes Geschenk im Gepäck. Selbst aus dem Sanitär- und Heizungsbau stammend, räumt er ein:
„Wir brauchen gute Fliesenlegerinnen und Fliesenleger für unsere Projekte.“ Ganz besonders lobt er das hohe Engagement der Innung: „Ich bin mir sicher, ohne euch wäre die Rückvermeisterung, von der damals auch 13 andere Gewerke profitierten, nicht so schnell passiert.“
Doch die Innung ist nicht das Einzige, was an diesem Abend von der Handwerkskammer Anerkennung erfährt: Unter stehenden Ovationen seiner Innungskollegen erhält Stefan Bohlken seinen Goldenen Meisterbrief. Neben zahlreichen Innungs- und Ehrenmitgliedern sind auch langjährige Partner der Einladung nach Oldenburg gefolgt. Achim Lange, der Geschäftsführer der Fachgruppe Fliesen- und Naturstein beim niedersächsischen Baugewerbeverband, hat seinen Vorgänger, Ulf Mosenthin, im Gepäck, der weite Teile der Innungshistorie begleitet hat.
Weggefährten aus regionalen Bildungseinrichtungen wie dem BAU ABC und dem Bildungszentrum für Technik und Gestaltung, ergänzen die lange Gästeliste. Einen entscheidenden Anteil am Erfolg der Innung haben auch die vielen geladenen Fachhandels- und Industriepartner.





