Kommentar: Mein Aufruf: Rettet die analoge Welt

Ein Kommentar von Gerhard Köhler, Chefredakteur Stein, Keramik, Sanitär

Als ob nicht eigentlich alles schon gesagt worden wäre, zumindest, wenn es um die nach wie vor aktuelle Krise, um Pandemie, den neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 geht, den der Chefarzt für innere Medizin am Antonius Hospital Eschweiler als „richtig fiesen Kamerad“ bezeichnete. Dem kann man im Wortlaut uneingeschränkt zustimmen, auch wenn man kein Rheinländer ist. Obwohl: als Rheinländer sollte man sich sowieso diesbezüglich etwas zurück halten. Zwar ist Wegberg nicht direkt dem Rheinland zuzuordnen, aber so sehr weit weg ist es ja auch nicht. Wobei der Kreis Heinsberg, dem der Ort Wegberg zugehörig ist, der umliegenden großstädtischen Bevölkerung seit jeher irgendwie suspekt war. Das Autokennzeichen „HS” galt vielen als Warnsignal, zumal wenn sich die gelben Nummernschilder der benachbarten Niederlande darunter mischten. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Sie sehen also, es fällt mir nach wochenlangem Homeoffice und Isolation leichter, über derlei „Nebenkriegsschauplätze“ als über die realen und wirtschaftlichen Folgen dieser Krise zu reden. Nicht zuletzt auch deshalb, weil die Halbwertzeit derartiger Meldungen so extrem kurz geworden ist. Zumal, wen man wie ich in einem Bundesland (merke: NRW) lebt, wo nach der Device „forsch oder lasch(et)“ regiert und gehandelt wird.

Und was unsere hier vertretene Branche betrifft, scheint man in eine Art Schockstarre verfallen zu sein, also statt „social distancing“ jetzt „media distancing“. Bei vielen Unternehmen herrscht absolute Kleinlautigkeit, bis auf Restbestände, in denen fast gleichlautend gemeldet wurde, alles für die Gesundheit der Mitarbeiter getan zu haben (was wichtig, aber eigentlich auch selbstverständlich ist) und darüber hinaus uneingeschränkt für Kunden ansprechbar zu sein. Was schließlich nach Beginn einiger Lockerungen in Unisono-Meldungen mündete: „Wir sind wieder zurück!“

Dabei hätte es, zumal in der Sanitärbranche zum #hygiene so viel Informationsmeldungen geben können, die den Email-Briefkasten zum Platzen gebracht hätten. Warum nicht auch einmal provokativ vorpreschen mit „gegen Klopapierhamstern hilft ein Dusch-WC“? ist doch kein Sakrileg. Oder doch?

Und dann müssen wir noch unbedingt über die Digitalisierung reden. Das war bekanntermaßen schon sehr lange ein ziemlich wichtiges Thema und wird ja auch schon reichlich praktiziert. Aber jetzt all jene, für die der Begriff „Digitalisierung“ bislang eher ein Modewort war, dermaßen brachial von eben diesem Digitalisierungszwang zu überfallen, das war dann doch zu gemein. Entsprechend mühsam und merkwürdig fielen dann auch zahlreiche so genannte Digitalisierungs-Aktivitäten aus, wie zum Beispiel Präsentationen, Seminare, Produktshows.

Und über allem schwebte dann noch der Begriff „Chance“, der mit der Zeit einen gewissen Inflationsgrad erhielt. Man solle doch die Krise als Chance begreifen. Also ich sehe, wenn überhaupt, in der Krise die Chance zu erkennen, wie wichtig in unserem gemeinschaftlichen Leben weiterhin die analoge Welt bleibt. Produkte analog anfassen, berühren, zum Beispiel auf Messen und in Ausstellungen testen zu können. Analog Gesprächspartnern gegenüber zu sitzen und analog verbal anzusprechen, ohne Abstandsregelung und Mund-Nasen-Schutz. Und wer dann unbedingt noch möchte, kann es trotzdem auch mal mit einer Video-Schalte versuchen. Vielleicht klappt es ja.

Gerhard Köhler

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