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Gast-Kommentar: Marke Keramag ist Geschichte

von Gerhard Köhler, Chefredakteur Stein, Keramik, Sanitär

Eigentlich hatte ich mir vorgestellt, an dieser Stelle so eine Art Nachruf, Abgesang oder etwas Ähnliches schreiben zu wollen. Aber vielleicht das, worum es mir hier geht, keine wirklich so große Sache. Ich indes bin der Meinung, man sollte schon einige Worte darüber verlieren, wenn nach nunmehr 102 Jahren ein fast wie ein Markenname klingender Firmenname so sang- und klanglos das Marktgeschehen verlässt.

Gut, es ist ja eigentlich nur ein Name, denn die Produkte, die bislang dahinter standen, verschwinden natürlich nicht. Der Name aber ist nach meiner Einschätzung einer, der in Fachkreisen lange Zeit überaus gewichtig war und zumindest zeitweise Marktführerschaft nicht nur signalisierte. Ich spreche von „Keramag“, ein Namenskürzel, das seit 1917 für die Keramische Werke GmbH gebräuchlich war und bereits ein Jahr später offiziell in den Firmenname integriert wurde.

Wer wusste übrigens, das „Keramag“ eng mit schottischem Whisky verbunden war? Immerhin hatte die britische Unternehmerfamilie Walker 1926 die Aktienmehrheit übernommen, vermutlich mit dem Geld, das sie für den Verkauf ihrer Destillerie John Walker & Son erhalten haben. Beginnend mit 1960er-Jahren schwang sich das seit Gründung in Ratingen ansässige Unternehmen zeitweilig zum Marktführer in Sachen Sanitärkeramik auf. Was in den nächsten Jahrzehnten geschah, entsprach dem indes nicht immer. Und jetzt, um es kurz zu machen, ist also der Name Geschichte. In meinem persönlichen Fall sind damit lediglich noch (indes wenig schmeichelhafte) Erinnerungen an Klos geblieben, mit denen man früher nach üppig-übler durchzechter Nacht zwangsweise „telefonieren“ musste (ich hatte es damals in gegebenen Fall zumindest so bezeichnet).

„Keramag“ heißt jetzt „Geberit“. Der (seit 2015) neue Eigentümer hat im April 2019 die letzten Schritte unternommen, den Namen aus dem optischen und digitalen Dasein zu löschen. Und sich in einer Presserklärung gewissermaßen entschuldigt: Sollte doch noch einmal ein mit dem Namen „Keramag“ signiertes Produkt auftauchen, so stamme dies aus überalterten Lagerbeständen.

Aber weshalb das Ganze hier? In einer Zeit, wo sich speziell die Baubranche (dazu gehört übrigens auch die Fraktion der keramischen Fliese) stets nach Endverbrauchermarken die Finger leckte, verschwindet ein Name, der im Segment Sanitär bei entsprechender Pflege durchaus das Zeug dazu gehabt hätte. Schon recht mutig, finde ich. Anderen Orts sah man dies durchaus anders. Nicht ohne Grund dürfte die türkische Eczacıbaşı-Gruppe, als sie 2007 die kränkelnde Fliesensparte der Villeroy & Boch AG übernommen hatte, auch unter dem neuen Firmenname V&B Fliesen GmbH die Produkte weiter unter „Villeroy & Boch“ vermarktet. Bekanntermaßen die einzige wirkliche Endverbrauchermarke in diesem Marktsegment (der Mettlacher Tischkultur sei Dank).

Aber womöglich besteht in der Baubrache in Zeiten globalisierter Märkte kein wirkliches Markenbewusstsein mehr. Vorbei die Zeiten, als zum Beispiel Gipskartonplatten grundsätzlich „Rigips“ hießen, egal, wer sie herstellte. Heute bestimmt der Drang zum Vollsortimenter das Streben der Konzerne. Möglichst alles einer Branche unter einem Dach vereinen. Die Industrie wird zum Händler und der etablierte sieht gelassen zu. Hauptsache, die Marge stimmt. Da spielt es keine Rolle, dass zum Beispiel ein Unternehmen wie Duravit, nach jahrelanger intensiver Imagepflege als Designhersteller für Sanitärkeramik und Badmöbel jetzt erklärt: Wir können auch Vorwandinstallation (einkaufen).

Die ehemals ehrbare Devise „Schuster, bleib bei deinem Leisten“ ist heute so was von gestern, so wie jetzt eben auch der Name „Keramag“.

Gerhard Köhler, Chefredakteur Stein, Keramik, Sanitär

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