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Wenn „Hinz und Kunz“ als Fliesenleger unterwegs sind, schadet das der Branche

Bayerische Bauinnungen fordern die Wiedereinführung der Meisterpflicht

Für die Gruppe der Kleinstbetriebe ohne „verbriefte“ Qualifikation im Bauhandwerk hat sich seit einigen Jahren der Begriff der „Mobilen Generalisten“ gebildet: eine Berufsgruppe, die in den Reihen der Industrie, im Baustoffhandel sowie im Handwerk für Gesprächsbedarf sorgt und stark polarisiert. In den vergangenen Wochen haben sich an dieser Stelle führende Fliesen- und Baustoff-Handelsunternehmen zu Wort gemeldet und auch einige Hersteller haben ihre Positionen dargelegt. Unter dem Strich können wir bislang, auf den Punkt gebracht, folgendes Fazit ziehen: die „Mobilen Generalisten“ haben ihre Position im Sanierungs- und Renovierungsmarkt besetzt, sind mithin nicht mehr wegzudiskutieren. Handel und Industrie haben sich mit dieser Zielgruppe irgendwie arrangiert, sich ihr angenähert und sie und in ihre Produkt- und Vertriebskonzepte eingebunden.

Ganz anders bewertet das Handwerk die Konkurrenz: von Preisdumping und Qualitätsverlust ist hier die Rede. Holger Seit, der beim Landesverband der Bayerischen Bauinnungen als Geschäftsführer u. a. für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich ist, äußerte sich zum Thema aus Sicht seines Verbandes. Seine Kernaussagen: „Die Abschaffung der Meisterpflicht hat dem Fliesenlegerhandwerk sehr geschadet, die fehlenden Einnahmen in den Bereichen Lohnsteuer- und Sozialversicherungsbeiträge sind zu Lasten der staatlichen Einrichtungen gravierend, die Revidierung dieses politischen Fehlers durch die Wiedereinführung der Meisterpflicht in allen betroffenen Bau- und Ausbauhandwerken ist daher dringend geboten.“ Und: „die Chancen für eine Wiedereinführung der Meisterpflicht im Fliesenlegerhandwerk sind in dieser Legislaturperiode jedenfalls besser als in den vergangenen 14 Jahren.“

Herr Seit, welche Erfahrungen haben Sie im Landesverband der Bayerischen Bauinnungen in den vergangenen 14 Jahren seit Abschaffung der Meisterpflicht im Fliesenlegerhandwerk gemacht?

Seit: Die Abschaffung der Meisterpflicht hat dem Fliesenlegerhandwerk sehr geschadet. Durch die unter der rot-grünen Bundesregierung durchgesetzten Reform des Handwerksrechts im Jahr 2003 wurde neben Dutzenden weiteren Handwerken auch das Fliesen-, Platten- und Mosaiklegerhandwerk zulassungsfrei. Dies hatte u. a. gravierende negative Auswirkungen auf die Berufs- und Meisterausbildung – das Herz jedes Handwerks – auf die Zahl der am Markt teilnehmenden Betriebe, auf die Betriebsgrößen und auf die Erfassung der Marktteilnehmer durch die gesetzliche Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft sowie das Sozialkassensystem der Bauwirtschaft. Die fehlenden Einnahmen in den Bereichen Lohnsteuer- und Sozialversicherungsbeiträge sind zudem zu Lasten der staatlichen Einrichtungen gravierend. So gingen die Ausbildungszahlen in diesem Handwerk in Bayern von 2003 bis heute um über 30 Prozent und damit weit stärker als in den zulassungspflichtigen Handwerken zurück. Als Hauptgrund hierfür muss die mangelnde Attraktivität einer Ausbildung (und Aufstiegsfortbildung) in einem zulassungsfreien Handwerk gesehen werden, in welchem Facharbeiter und Betriebsinhaber mit zehntausenden (Schein-)-Selbständigen ohne jegliche Ausbildung konkurrieren müssen. Außerdem stehen häufig auch ausgebildete Handwerksgesellen, nachdem sie sich selbständig gemacht haben, mit dem Betrieb ihres ehemaligen Lehrherrn im Wettbewerb, was für dessen Ausbildungsbereitschaft nicht förderlich ist.

„Die Abschaffung der Meisterpflicht hat dem Fliesenlegerhandwerk sehr geschadet.“

Die Gründe für einen Rückgang der Ausbildung im Handwerk liegen aber nicht nur in der Änderung des Handwerksrechts. Eine größere Abwanderung aus dem Handwerk seit Mitte der 2000er Jahre in die Industrie, den Handel und in Dienstleistungsberufe spielt ebenso eine Rolle, wie die generell abnehmende Wertschätzung dualer Ausbildungen gegenüber eines Studiums und die abnehmende Zahl von Mittelschul- (Hauptschul-) und Realschulabsolventen. Eine gesetzliche Stärkung der Bauhandwerksberufe durch Wiedereinführung der Meisterpflicht würde die Strukturen in diesen Handwerken stärken und deren Image verbessern und so diesem Trend entgegenwirken. Die Revidierung dieses politischen Fehlers durch die Wiedereinführung der Meisterpflicht in allen betroffenen Bau- und Ausbauhandwerken ist daher dringend geboten.

Kann man sagen, dass die Liberalisierung der Handwerksordnung in 2004, die politisch zu einer „Belebung des Wettbewerbs“ führen sollte, zu einem Imageschaden und einem Qualitätsverlust in den betroffenen Berufen geführt hat?

Seit: Die Zahl der bei den bayerischen Kammern eingetragenen „Fliesenleger“ stieg von 2200 im Jahr 2003 auf jetzt ca. 13000. Das sagt eigentlich alles. „Hinz und Kunz“ sind als Fliesenleger unterwegs. Die wenigsten der in den vergangenen 14 Jahren neu eingetragenen Betriebe oder Einzelkämpfer verfügen über eine solide Ausbildung. Und noch viel weniger haben einen Meisterbrief in diesem Handwerk.  Das hierdurch die Zahl und Größe der Schäden gestiegen ist, liegt auf der Hand und wurde uns auch durch unsere ö.b.u.v. Sachverständigen bestätigt, wenngleich wir kein evaluierbares Zahlenmaterial hierzu haben. Das „Meisterimage“ des Fliesen-, Platten- und Mosaiklegerberufs hat hierdurch jedenfalls gelitten.

„Hinz und Kunz sind heute als Fliesenleger unterwegs – ohne eine solide Ausbildung.“

Wie reagieren die qualifizierten Betriebe vor Ort auf diesen „Wildwuchs“?

Seit: Durch hohe Qualität, Spezialisierung und sehr guten Kundenservice. Schwierig ist es bei öffentlichen Aufträgen. Denn leider zählt hier nicht immer das wirtschaftlichste Angebot der Fachfirma sondern nur der niedrigste Preis.

Gibt es „konzertierte Aktionen“/Kampagnen seitens Ihres Landesverbandes, um einerseits den Nachwuchs- und Fachkräftemangel im Fliesenlegerhandwerk aktiv anzugehen. Und bieten Sie Informationen in Richtung der Endkunden (Sanierer, Renovierer, Hausbauer), bei der Auswahl der ausführenden Betriebe die nötigen Standards abzufragen bzw. sich für die Innungsbetriebe zu entscheiden?

Seit: In den letzten Jahren hat sich der Fachkräftemangel in den Bauberufen verstärkt. Um dem Fachkräftemangel in der Branche entgegenzuwirken, betreut das Bayerische Baugewerbe mehrere Nachwuchsaktionen – zum Teil mit den anderen Verbänden der Bayerischen Bauwirtschaft. Die Aktionen sind auf die jeweilige Zielgruppe – Kinder, Schüler, Lehrer – zugeschnitten. Sie sollen auf die Vielfalt und Karrieremöglichkeiten der Bauberufe aufmerksam machen, die Branche als attraktiven Arbeitgeber präsentieren und neue Auszubildende gewinnen. Über die vielfältigen Nachwuchswerbeaktionen unseres Verbandes können Sie sich hier  https://www.lbb-bayern.de/bildung/nachwuchswerbung.html informieren.

„Die CSU hat sich bereits deutlich für die Stärkung der Meisterpflicht im Handwerk positioniert.“

Unser Verband klärt außerdem u.a. mit der Verbraucherkampagne „Meisterlich geht anders!“ die Verbraucher auf, unterstützt seine Mitglieder der Fachgruppe Fliesen und Naturstein mit einer gutachterlichen Unterstützung bei Streitfällen – hierzu finden sich weitere Informationen im Flyer (siehe unten) – und setzt sich unermüdlich für die Wiedereinführung der Meisterpflicht ein. Wir konnten erreichen, dass sich die CSU schon vor den Koalitionsverhandlungen der neuen Bundesregierung deutlich für die Stärkung der Meisterpflicht im  Handwerk positionierte.

Welche Rolle spielen die oft zitierten „Kolonnen vom Westbalkan“, die den Kunden sowie dem deutschen Handwerk Schaden zufügen?

Seit: Pauschal bestimmte Gruppen von Marktteilnehmern herauszugreifen und für die schwierige Wettbewerbssituation verantwortlich zu machen, ist nicht zielführend. Schließlich werden nur die bestehenden rechtlichen Rahmenbedingungen genutzt. Einen fairen Wettbewerb können wir nur durch faire Marktbedingungen erreichen. Und hierfür brauchen wir die Meisterpflicht, die Stärkung der dualen Ausbildung und eine Imageverbesserung für den Beruf und den Handwerksmeister. Die Wiedereinführung der Meisterpflicht wird zu Transparenz beim Kunden, vertrauenswürdiger Qualifikation, mehr Qualität bei der Bauausführung und einer Stärkung der Ausbildungsbereitschaft bei Betrieben führen.

„Einen fairen Wettbewerb können wir nur durch faire Marktbedingungen erreichen.“

Wie stehen die Chancen, die damals getroffenen (Fehl)-entscheidungen zu revidieren?

Seit: Die Koalitionsvereinbarung der GroKo hat die Prüfung einer EU-konformen Einführung der Meisterpflicht in einzelnen Gewerken verankert. Fachverbände und ZDH sind sehr aktiv, um die Bundesregierung hieran zu „erinnern“ und zur Umsetzung zu mahnen. Die Chancen, für eine Wiedereinführung der Meisterpflicht im Fliesenlegerhandwerk sind in dieser Legislaturperiode jedenfalls besser als in den vergangenen 14 Jahren.

Flyer Gutachterliche Unterstützung – 2018

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