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„Mobile Generalisten“ verursachen Qualitäts- und Vertrauensverlust im Handwerk

Fachverband Fliesen + Naturstein setzt konsequent auf Qualifizierung

Seit dem Jahre 2004 besteht in Deutschland für 53 Handwerksberufe keine Meisterpflicht mehr. Die Folgen: Es wird deutlich weniger ausgebildet, die Zahl der Meisterprüfungen ist in den vergangenen 14 Jahren stark zurückgegangen und heute kann praktisch jeder zum Gewerbeamt gehen und einen Betrieb anmelden. Und jeder, der will, kann sich hierzulande „Fliesenleger“ nennen. Von denen liefert der eine oder andere Betrieb durchaus ansprechende Arbeit ab, andere hinterlassen Pfusch und Bauschäden. Zu dieser, vor allem auch das Handwerk betreffenden Entwicklung der immer stärker anwachsenden Gruppe der „Mobilen Generalisten“ und dem damit einher gehenden Qualitätsverlust im Handwerk, beantwortet Detlef Börner, stellvertretender Vorsitzender des Fachverbandes Fliesen und Naturstein (FFN) im Zentralverband des Deutschen Baugewerbes, die Fragen der Redaktion.

Herr Börner, wie stellt sich die aktuelle Situation aus Sicht des FFN dar? Wie bewerten Sie das immer stärkere Anwachsen der „unqualifizierten Kleinstbetriebe“? Gibt es einen Qualitätsverlust im Handwerk?

Börner: Ganz klar gibt es dadurch einen Qualitätsverlust im Handwerk. Als Interessenorganisation der nach wie vor überwiegend meistergeführten Innungsbetriebe sind wir alles andere als zufrieden mit der Gesamtsituation, die zu Qualitäts- und Vertrauensverlusten geführt hat. Wir lassen auch nicht nach, für eine Novelle der Novelle der Handwerksordnung zu kämpfen. Aber wir haben auch eigene Maßnahmen wie unser Qualifizierungsprogramm „Zert-Fliese“ geschaffen, um aufzuzeigen, dass unsere Betriebe kontinuierlich auf eine Weiterbildung setzen. Denn Baustoffe und Bauanforderungen ändern sich. Wer am Markt erfolgreich bleiben will, muss sich fortbilden. Interesse an einer Fortbildung haben die vielen Einmann-Betriebe übrigens nicht. Viele Innungen, auch meine, haben diese nicht qualifizierten Betriebe immer wieder zu Veranstaltungen eingeladen. Es gab kein Interesse. Es wird einfach gefliest, ohne Fachwissen und ohne Abdichtungen, dafür mit vielen Schäden.

Die Liberalisierung der Handwerksordnung in 2004 und somit die Abschaffung der Meisterpflicht sollte seinerzeit zu einer Belebung des Wettbewerbs führen, die damalige Bundesregierung wollte mehr Selbständigkeit, mehr Wettbewerb, günstige Verbraucherpreise. Es scheint, als sei dieser „Schuss nach hinten losgegangen“. Wurde diese Hoffnung auf mehr Dynamik somit teuer erkauft?

Börner: Der Schuss ist in der Tat nach hinten losgegangen! Natürlich bieten die kleinen, häufig Einmann-Betriebe günstigere Preise, aber dann hapert es fast immer bei der Leistung und der Langlebigkeit, weil schlicht und einfach das notwendige Fachwissen eines gelernten Fliesenlegers und Fliesenlegermeisters fehlt. Das Nachsehen hat der Kunde. Ein starker Anstieg bei den Sachverständigengutachten und den Schadenssummen bestätigt das. Ich kenne es selbst aus meiner eigenen Tätigkeit als Sachverständiger und könnte zahlreiche Beispiele für nicht qualifizierte Arbeiten aufzählen. Natürlich gibt es heute viel mehr Betriebe, überwiegend ohne Mitarbeiter, aber was haben wir davon? Es gibt einen Preiskampf und zum Teil eigenwillige Geschichten. Der Bauherr kauft seine Fliesen und manchmal gar die Fliesenschneidemaschine selbst im Baumarkt, damit es nicht durch die Buchhaltung des Dienstleisters gehen muss. Der sogenannte Fliesenleger legt nur die Fliesen. Bis zu einem Jahresumsatz von 17.500 Euro erfolgt das auf Rechnung, der Rest wird schwarz gemacht. Es war sicher nicht das Ziel der Politik, den Schwarzmarkt aufzublasen, aber das ist die Realität. Ein weiteres wichtiges Stichwort ist der Verbraucherschutz. Der Verbraucher hatte durch die Novelle überwiegend das Nachsehen.

„Das Nachsehen hat der Kunde. Ein starker Anstieg bei den Sachverständigengutachten und den Schadenssummen bestätigt das.“

Gibt es die Chance auf politischer Ebene, diese damals getroffenen Entscheidungen zu revidieren?

Börner: Wir haben unmittelbar seit 2005 die Wiedereinführung der Meisterpflicht gefordert. Gerade im letzten Jahr, im Bundestagswahlkampf 2017, haben wir viele Gespräche mit Politikern vor allem der damaligen und heutigen Bundesregierung geführt. Dazu gehörten der damalige CDU-Generalsekretär Tauber und der stellvertretende SPD-Vorsitzende Schäfer-Gümbel. Wir haben Zuspruch und Rückendeckung für unsere Forderungen bekommen. Nun wird sich in diesem und nächsten Jahr zeigen, ob den Worten Taten folgen. Wir sind verhalten optimistisch, zumal wir auch eine Bestätigung bekommen haben, dass wir Änderungen in der HwO nicht auf europäischer Ebene abstimmen müssen, sondern Deutschland eigene Wege gehen kann. Wenn sich was tut, wird das in den nächsten ein bis zwei Jahren sein.

Aber es ist auch klar, dass danach nicht alles gut sein wird. Auch wenn wir den verpflichtenden Meistertitel wiederbekommen sollten, wird es vermutlich einen Bestandsschutz für die jetzigen Solo-Betriebe ohne Qualifizierung geben. Trotzdem würde es ein großer Erfolg für unseren Verband sein und zeigen, dass es sich lohnt, gemeinsam für seine Interessen zu kämpfen. Und das tun wir im FFN.

„Es lohnt sich, gemeinsam für seine Interessen zu kämpfen. Und das tun wir im FFN.“

Wie steht es um die Durchsetzung eines Fachkräfteeinwanderungsgesetzes, um künftig beispielsweise nicht noch mehr „unqualifizierte Fliesenleger aus dem Westbalkan“ auf deutschen Baustellen zu haben?

Börner: So lange wir wie derzeit keine Marktzugangsbeschränkungen haben, hat unser Handwerk davon nichts. Denn jeder EU-Bürger darf sich als Fliesenleger in Deutschland verdingen, jeder andere Ausländer theoretisch auch. Interessanter ist die Frage, wie wir andere Zuzüge nach Deutschland, beispielsweise Flüchtlinge, bei uns integrieren können. Hier zeigt sich schnell, dass die Sprache das Hauptproblem ist. Erst wenn die Zuziehenden sich in deutscher Sprache verständigen können, kann Fachwissen getestet werden bzw. Fachwissen auch erweitert werden. Hier sollten wir uns Gedanken machen, denn qualifizierte Fliesenleger sind rar. Es gibt derzeit keine arbeitslosen Fliesenleger!

Hat das Handwerk noch „goldenen Boden“? Oder anders gefragt: Mit welchen Maßnahmen wollen Sie den Nachwuchs- und Fachkräftemangel in den Griff bekommen?

Börner: Ohne Handwerk geht es einfach nicht. Irgendwer muss in Deutschland bauen und modernisieren. Daher bleibt das Handwerk, auch das Bauhandwerk, attraktiv. Natürlich müssen wir für unser Handwerk werben. Dazu gehört auch eine gute Bezahlung der Lehrlinge mit weiteren Paketen. Hier müssen wir einfach attraktiv sein.

Was können die Verbände, vor allem Ihr Verband, hier leisten? Welche Weichenstellungen erwarten Sie von der Politik? Und was kann jeder Ausbildungs-/Meisterbetrieb vor Ort leisten?

Börner: Wichtig ist, dass das Handwerk wieder als ein attraktiver Arbeitsbereich wahrgenommen wird. Es kann nicht sein, dass Lehrer von einem Praktikum im Handwerk abraten. Wir brauchen mehr als nur Akademiker, die dann Monatelang auf einen Handwerker warten, denn ohne Handwerk geht es bekanntlich nicht. Wir selbst als Handwerk dürfen natürlich auch nicht nachlassen bei der Ausbildung. Denn wenn wir nicht selbst ausbilden, gibt es keinen qualifizierten Nachwuchs. Dann geht unser Handwerk zugrunde. Also wir müssen ausbilden und unsere Innungen und auch die Betriebe müssen an den Schulen für eine Ausbildung zum Fliesenleger werben.

„Es kann nicht sein, dass Lehrer von einem Praktikum im Handwerk abraten.“

Der Beruf des Fliesenlegers ist heute zum Einfallstor für unqualifizierte Scheinselbständige geworden, von denen viele aufgrund mangelnder Fachkenntnisse sowie wenig nachhaltig agierendem Unternehmertums relativ rasch wieder von der Bildfläche verschwinden. Gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen Qualifikation und wirtschaftlichem Erfolg?

Börner: Für viele Bauherren ist zunächst der Preis ausschlaggebend. Dazu kommt das Risiko auf Schäden, wenn Bauherren einen Fliesenleger ohne jegliche Qualifizierung beschäftigen. Das können wir nur immer wieder betonen. Unsere meistergeführten Innungsbetriebe können beim Preis nicht mit den Einmann-Betrieben mithalten. Aber wir können auch vernehmen, dass Bauherren bereit sind, auf Fachbetriebe zu warten. Drei Monate Wartezeit sind derzeit keine Seltenheit. Natürlich sind die kritisch. Das ist ihr gutes Recht. Aber ich kann meinen Berufskollegen nur empfehlen, keine Angst vor kritischer Hinterfragung zu haben. Wir haben unser Handwerk gelernt, wir beschäftigen gelernte Fliesenleger, sind Meister oder Ingenieure, bilden uns fort und haben die fachtechnische Unterstützung des Fachverbandes Fliesen und Naturstein. Wir können unser Handwerk noch und wollen das auch zeigen!

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