Italien: Wann und wie kommt die Phase 2 nach dem Lockdown?

Hersteller warten dringend auf den Startschuss der Regierung

Die Nachrichten aus Italien und aus der Welt überschlagen sich, auch in der stark international vernetzten Keramikbranche ist ungewiss, was in den nächsten Wochen und Monate passiert.

Die Vorbereitungen zur Wiederaufnahme der Keramikindustrie sind aus Sicht der italienischen Unternehmen abgeschlossen, die Hersteller warten dringend auf den Startschuss der Regierung.
Noch vor Ostern hatte Confindustria Ceramica mit den Gewerkschaften ein nationales Protokoll zur Verhütung von Ansteckungsrisiken unterzeichnet, um die Wiederaufnahme der keramischen Produktionen in voller Sicherheit zu gewährleisten. Trotzdem ist aktuell nach wie vor nur die Durchführung Wartungsarbeiten sowie der Versand und der Empfang von Waren erlaubt.

Zur Gewährleistung maximaler Sicherheit sind im nochmals verschärften Protokoll unter anderem Schichten vorgesehen, mit denen die Zeiten von Arbeitsbeginn und -Ende gestaffelt werden, außerdem die regelmäßige Desinfektion der Räume, der eingeschränkte Zugang zu den Gemeinschaftsräumen, die Bereitstellung von Schutzeinrichtungen (Handschuhe, Helme, Masken), Sitzungen und Meetings werden nur online durchgeführt, eine zusätzliche Krankenversicherung und die Durchführung von serologischen Tests gehören ebenfalls zu den Maßnahmen gegen Ansteckung.

Mit Nachdruck appelliert die Unternehmervertretung Confindustria Ceramica an die italienische Regierung auf nationaler und regionaler Ebene, die Produktion dringend wieder aufzunehmen. Als wichtigstes Argument wird dabei der typische personalarme Arbeitsablauf in den in den vergangenen vier bis fünf Jahren mit Investitionen von über zwei Milliarden Euro auf heute hochautomatisierten Keramikwerke angeführt. Hier arbeiten nur noch wenige Techniker an langen Produktionsstraßen in riesigen, fast menschenleeren Hallen.

In einem Brief wendete sich Confindustria Ceramica Präsident Giovanni Savorani an den Minister für produktive Aktivitäten Stefano Patuanelli, um diesen Sachverhalt zu klären.

Giovanni Savorani
Giovanni Savorani, Präsident der italienischen Confindustria Ceramica. Foto: Confindustria Ceramica

Es sei keine Zeit mehr zu verlieren, 14.000 Mitarbeiter der Branche sind in Kurzarbeit und der Stillstand der Produktion seit dem 22. März habe bereits einen Verlust im Wert von einer Milliarde Euro verursacht. Die italienische Keramikindustrie exportiert 85% der Produktion. Das Risiko sei groß, Marktanteile an ausländische Mitbewerber zu verlieren, die nicht denselben Beschränkungen ausgesetzt waren. „Es ist wichtig, kurzfristig wieder gleiche Wettbewerbsbedingungen zu schaffen“, so Savorani, „auch weil die Wiedererlangung dieser Marktquoten eine noch schwierigere (und teurere) Aufgabe sein wird, da die Gesamtnachfrage nach Keramik auf den verschiedenen Märkten bereits um etwa ein Drittel infolge der Pandemie gesunken ist.“

Wann geht es also wieder los?

Eine tagesaktuelle Antwort auf diese Frage hat 1200GRAD bei Confindustria Ceramica eingeholt:

1200GRAD: In den italienischen Medien wird heute (am 20.4.2020) eingeschätzt, dass 60-70% der Unternehmen Italiens im Laufe der Woche im Zusammenhang mit einer Beantragung der Zugehoerigkeit zur existentiellen Lieferkette ihre Tätigkeit wieder aufnehmen koennten. Wann kann die Keramikproduktion wieder starten?

Confindustria Ceramica: Am Samstagnachmittag (18.4.2020) wurde in einer Sitzung des Lenkungsausschusses unter Vorsitz von Stefano Bonaccini, Präsident der italienischen Regionenkonferenz, der Vorschlag gemacht und angenommen, dass die am stärksten Export orientierten Branche einschlieβlich Keramik als erste hochgefahren werden sollten. Für Mittwoch (22.4.2020) wird ein weiteres Treffen der Kommission mit Premierminister Giuseppe Conte gemeinsam mit den Vertretern der Regionen, Gewerkschaften, Confindustria und der von Vittorio Colao geleiteten Task Force erwartet. Dann wird die Situation erneut bewertet, um Verfahren und zeitliche Abläufe zu identifizieren. Eine Aufnahme der Produktionsaktivitäten mit einer stillen Zustimmung oder mit einem Beschluss der Regionen wird nicht erfolgen, sondern dies wird ausschließlich mit einem Erlass des Ministerpräsidenten erfolgen.“

Italien leidet stark unter den Konsequenzen der Covid 19 Epidemie und muss auch mit den wirtschaftlichen Folgen eines besonders weitgreifenden und lange anhaltenden Lockdowns fertig werden, der bereits früher als in anderen Ländern begann. Der stark industrialisierte Norden Italiens trägt bisher die Hauptlast der Situation, die Region Emilia Romagna ist in der traurigen Rangliste der am stärksten betroffenen Regionen nach der Lombardei auf Platz 2. Dort befindet sich der italienische Keramikdistrikt, in der Gegend um Modena.

Ansteckungszahlen, Neuaufnahmen in den Krankenhäusern und auf den Intensivstationen und Sterbefälle durch Covid 19-Infektion sinken zwar aufgrund der strengen Gegenmaβnahmen. Allerdings, so Ministerpräsident Giuseppe Conte in einer Pressekonferenz vor Ostern, „sind im Moment die Voraussetzungen für einen Neustart der Produktionstätigkeit noch nicht gegeben“. Confindustria hatte zunächst eine Wiederaufnahme der Aktivitäten nach Ostern angestrebt und eine Planung des Neustarts mit schnellen und zeitlich planbaren Abläufen zur sogenannten „Phase-2“ angeregt. Der fast vollständigen Produktionsstopp seit dem 23. März sollte zunächst bis zum 13.4., also bis Ostermontag gelten. Noch am Karfreitag hatte der italienische Ministerpräsident Giuseppe Conte den Unternehmern jedoch die Aussicht genommen, die Produktion nach Ostern mit entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen allmählich wieder hochzufahren. Der Lockdown wurde vorerst nochmals bis zum 3. Mai verlängert.

Der italienische Keramikdistrikt um Modena besteht aus 228 Unternehmen mit 28 Tausend Mitarbeitern und erwirtschaftet einen Jahresumsatz um 7 Milliarden. Nach italienischen Medienberichten haben viele dieser Unternehmen bereits ein Auftragsportfolio, dass in den nächsten Monaten auszuliefern ist. Die Unternehmen befürchten nicht nur eventuelle Stornierungen, sondern einen Verlust von Marktanteilen an Keramikanbieter aus anderen Ländern, deren Produktion gar nicht oder deutlich kürzer gestoppt wurde. Bereits zum aktuellen Zeitpunkt schätzt Confindustria Ceramica den Auftragseinbruch auf ca 25%.

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