„Es besteht die Möglichkeit eines Produktionsstopps“

Interview mit Giovanni Savorani, Vorsitzender des italienischen Verbandes Confindustrie Ceramica

1200Grad sprach kurz vor der Cersaie mit Giovanni Savorani, dem Vorsitzenden des italienischen Verbandes der Keramikindustrie Confindustria Ceramica. Dabei ging es darum, warum 6 mm das Material der Zukunft ist, welche Energiequellen sich als Alternative für Gas anbieten, wie sich die Italiener auf die neuen Tone eingestellt haben, warum Savorani Angst um den deutschen Markt hat und warum die Werksbesuche zu Messezeiten für die Cersaie eine Gefahr sind. Das Interview führte Italienkorrespondentin Alexandra Becker.

1200Grad: Herr Savorani, welche Erwartungen haben Sie vor dem aktuellen Hintergrund an die Cersaie 2022?

Giovanni Savorani: Ja, das stimmt, teilweise sind weitere Unsicherheiten und Schwierigkeiten hinzugekommen. Letztes Jahr war ein Großteil der Welt ausgeschlossen, China ist noch nicht aus dem Problem heraus. Aber trotz alledem würde ich sagen, dass es im vergangenen Jahr nicht schlecht gelaufen ist. Es war eine Gelegenheit, sich nach zwei Jahren wieder zu begegnen und die Menschen hatten dieses Bedürfnis. Für mich war die vergangene Cersaie keine schlechte Messe und die Teilnahme war zwar von den Personen her geringer, aber in Bezug auf die Firmen war die Beteiligung nicht viel niedriger als in anderen Jahren.

Wir arbeiten in einer guten Marktsituation, auch wenn uns die neuesten Anzeichen in den letzten beiden Monaten sagen, dass es in fast allen Regionen der Welt zu einer Verlangsamung kommt. Wahrscheinlich beginnen die Auswirkungen des Krieges einige Befürchtungen zu erzeugen und es wird weniger investiert.

Im Moment sind wir aber wirklich optimistisch gestimmt und hoffen, dass viele kommen werden. Die Hotels in Bologna sind schon alle ausgebucht und das ist sicherlich ein positives Zeichen, auch die Ausstellungsflächen sind alle belegt. Die Messe wird wieder in einem recht internationalen Format stattfinden, auch mit außereuropäischen Teilnehmern.

Nachhaltigkeit ist das zentrale Thema der Cersaie 2022. Was erwartet die Besucher?

Giovanni Savorani: Wir engagieren uns im Bereich der Nachhaltigkeit von Keramik. Es geht also um ein strukturelles Thema, das auch teilweise mit der Energieproblematik verknüpft ist. Das wird ein Hauptthema der Konferenzen sein, die den Fortschritt der Forschung zu vielen Themen, auch in Bezug auf Technologie und Produktion, erläutern werden. Dazu zählt beispielsweise die partielle Nutzung von Wasserstoff als Teilersatz für Methangas, oder es geht auch um Strom. Dann muss man noch einen günstigen Weg finden, um Strom zu erzeugen. Aber auch bei der Kondensation von Wasser, also bei der Rückgewinnung von Wasser aus dem Zerstäubungsprozess, werden Fortschritte gemacht. Unsere Branche ist sehr aktiv in Bezug auf technischen Lösungen, die finden wir. Ob die technischen Lösungen dann auch wirtschaftlich sind, steht auf einem anderen Blatt.

Unsere Branche ist sehr aktiv in Bezug auf technischen Lösungen, die finden wir. Ob die technischen Lösungen dann auch wirtschaftlich sind, steht auf einem anderen Blatt.

Was gerade passiert, ist meiner Meinung nach absurd. Wir haben vor ein paar Jahren mit einem Europa angefangen, dieses Projekt mit dem Emission Trade System in Gang zu setzen, um die CO2-Emissionen zu reduzieren. Und jetzt erhöhen wir sie auf beschämende Weise. Wir haben alle Kohlekraftwerke wieder aktiviert, weil der Fehler gemacht wurde, das Methangas anzugreifen, das die sauberste und in riesigen Mengen verfügbare Energie darstellt, obwohl es einen fossilen Ursprung hat.

Inwieweit hat sich der Markt für keramische Beläge in den letzten drei Jahren verändert?

Giovanni Savorani: Der Keramikmarkt hat sich meiner Meinung nach positiv entwickelt. Keramik ermöglicht eine bessere Hygiene und daher ist die Verwendung von Keramik nach einer so schweren Gesundheitskrise explodiert. Wir verkaufen jetzt viel mehr als vor Covid und das auf der ganzen Welt. Natürlich erfährt China als Methode zur Bekämpfung der Pandemie immer noch den Lockdown. Aus diesem Grund haben sie die Fabriken angehalten und den Export reduziert, gleichzeitig aber auch die interne Produktion und die Importe stark heruntergefahren. Weil natürlich nichts hinein-, aber auch nichts herausgehen kann. Das wirkt sich bei uns wahrscheinlich auch etwas aus.

Sobald China dort wieder herauskommt könnte sich dort eine bedeutende Erholung der Nachfrage ergeben. Auch dort wird sich meiner Meinung nach vielleicht im Anschluss an diese Zeit des Gesundheitsproblems ein Wachstum im Zusammenhang mit der Verbesserung des eigenen Zuhauses ergeben. Denn wenn man einmal einen Lockdown erlebt hat, merkt man, dass man zuhause etwas mehr Platz braucht, dass dort Verbesserungen notwendig sind.

Welche Besonderheiten hat der deutsche Markt aus Ihrer Sicht?

Giovanni Savorani: Ob es andere Entwicklungen auf den deutschsprachigen Märkten gibt, die sich noch nicht gezeigt haben, weiß ich nicht. Denn wenn ich mir beispielsweise unsere Statistiken ansehe, sind die Märkte, die im Vergleich zum Vorjahr eine stärkere Verlangsamung oder sogar einen Rückgang hatten, der französische und der amerikanische Markt, während der deutsche Markt sowie Österreich und die Schweiz im Vergleich dazu immer noch mit einem Pluszeichen im Vergleich zum letzten Jahr erscheinen.

Aber für das zweite Halbjahr sage ich Ihnen, dass ich große Angst um die deutschsprachigen Märkte habe, weil sie am meisten unter dieser Energiekrise leiden. Deutschland ist zweifellos das Land, das am meisten unter dieser Art der Reduzierung der Gaslieferungen leidet. Andererseits hat alles mit Nordstream 2 angefangen. Die Dinge liefen nicht so, wie sie sollten, und jetzt weiß ich, dass Deutschland alle in Frage kommenden Kohlekraftwerke wieder in Betrieb genommen hat. Wir haben dasselbe getan, nur haben wir viel, viel weniger. Wir Italiener hätten gut daran getan, unser Gas weiter zu fördern.

Aber für das zweite Halbjahr sage ich Ihnen, dass ich große Angst um die deutschsprachigen Märkte habe, weil sie am meisten unter dieser Energiekrise leiden.

Wie sind Ihre Erwartungen für 2023?

Giovanni Savorani: Die Finanzspekulation entzieht uns jetzt die Mittel die wir brauchen, um die Investitionen für die Energiewende zu tätigen. Genau das passiert in Europa. Was passiert, ist die Tatsache, dass die Energieunternehmen das 680-fache der Gewinne des Vorjahres erzielen, während die gesamte fertigende Industrie in Italien mit Bilanzen zu kämpfen hat, die sehr besorgniserregend ausfallen werden.

Trotz der komplexen allgemeinen Lage war die Investitionsbereitschaft der italienischen Fliesenwerke nach den Zahlen von 2021 weiterhin hoch. Wird das auch aufgrund der hohen Energiekosten so bleiben?

Giovanni Savorani: Wenn das so weitergeht wird weiter investiert werden, aber nicht in Europa, sondern außerhalb. Das ist natürlich das Schlimmste, was uns passieren kann. Die großen Investitionsströme werden nicht mehr in Europa enden, sondern in andere Länder, wie nach Indien oder in die Türkei, fließen. Große internationale Investoren werden dort investieren, wo es sich auszahlt, wo Energie weniger kostet, wo es keinen Emissionshandel gibt. Maschinen und Anlagen werden weiterhin gekauft, es wird weiterhin investiert werden, aber in diesen Ländern, nicht in unseren.

Giovanni Savorani. Foto: Confindustrie Ceramica

Das ist im Grunde die Konsequenz des Emissionshandelssystems, vor der wir die Politik seit Einfühurng des Systems warnen. Nur wir Europäer zahlen dafür. Am 29.7.2022 wurde ein Gesetz als Ausgleich für die ETS-Sache erlassen, das ich für sehr bedenklich halte. Und zwar wurde eine Einfuhrsteuer eingeführt. Aber Europa ist eine Welt der Exporteure. Was bringt es, die Importe einzuschränken? Das bedeutet, unsere Exportkapazität weiter zu verschlechtern, weil wir sicherlich Reaktionen aus den entsprechenden Ländern bekommen werden, die uns wiederum daran hindern werden zu exportieren. Wir sind ein Teil des Made in Italy, der berühmten Mode usw. Wir verkaufen Fliesen an die Türkei und an China, obwohl sie selbst Produzenten sind. Aber wir schaffen es, unsere Fliesen auch an sie zu verkaufen. Aber glauben Sie, dass es unsere Exporte verbessern würde, wenn wir sie daran hindern würden, nach Europa zu verkaufen? Meiner Meinung nach ist das der schlimmste Fehler.

Auch weil zum Beispiel das Problem, das wir gerade jetzt aus den Daten ablesen, darin besteht, dass es in den USA einen Rückgang gibt. Aber wissen Sie, wie viel Erdgas in den Vereinigten Staaten kostet? Dort haben sie nicht die Probleme, die wir haben. Es ist gestiegen und die amerikanischen Produzenten beklagen, dass Erdgas teurer geworden ist. Aber bei ihnen ist es um 30 % angestiegen, während sich der Preis bei uns um 700 % erhöht hat. Und der Ausgangspunkt dort war sowieso sehr viel niedriger. Kurz gesagt, wenn sie ein italienischer Hersteller sind, der auch Werke in den Vereinigten Staaten hat, und sie einen neuen Ofen aufstellen müssen, um großformatige Keramikplatten herzustellen, wo stellen Sie ihn hin? Mit Sicherheit dort.

Die italienischen Werke beziehen für den Ausfall der ukrainischem Tone nun auch Tone aus dem Westerwald. Wie schwierig ist es die Produktion auf neue Tonsorten umzustellen und ist die Versorgung langfristig gesichert?

Giovanni Savorani: Ja, das ist es. Auf diese Weise bleiben wir stärker im europäischen Kontext, mit viel größeren Zukunftsgarantien. Wir haben diese Vereinbarung getroffen, an der auch die Deutsche Bahn beteiligt ist. Sie wird aber viel mehr Waggons für diese Transportart bereitstellen müssen, um das logistische Problem zu lösen.

Was passiert also, wenn sich die Situation in der Ukraine nach dem Umbau der Anlagen stabilisiert? Würden wir zu diesen Tonen zurückkehren oder wie schwierig ist es eine Produktion darauf einzustellen? Wie lange dauert die Anpassung an neue Situationen?

Giovanni Savorani: Jetzt musste es ganz schnell gehen. Ich muss sagen, unsere Techniker waren gut, weil die Produktion nicht gestoppt werden musste und alles weiterlaufen kann. Es gibt noch einige ukrainische Tonvorräte, insbesondere im Hafen von Ravenna, aber sie gehen zur Neige. Jetzt müssen wir anfangen die türkischen und deutschen Tone zu verwenden. Im Grunde sind das die beiden Pole, auf die wir setzen: Deutschland und die Türkei.

Es gibt noch einige ukrainische Tonvorräte, insbesondere im Hafen von Ravenna, aber sie gehen zur Neige.

Gibt es dort überhaupt die Möglichkeit einer langfristigen Versorgung?

Giovanni Savorani: Ja, die besteht, aber diese Tone sind teurer und teilweise etwas dunkler.

Aber meiner Meinung nach wird das am Ende einen Prozess beschleunigen, der schon ein bisschen in der Luft lag: Es ist nämlich nicht wichtig, ob ich weißen Scherben oder eine andere Farbe 3 mm unter die Oberfläche eines Bodens lege und wenn ich einen halben Millimeter oder 1 mm Farbauflage habe. Wenn mein Boden gut funktioniert, weil er sich nicht abnutzt, weil er sich im Laufe der Zeit nicht verfärbt, die Oberfläche sich nicht verändert, dann ist es mehr als genug. Der vollständig durchgefärbte keramische Belag ist in diesem Fall nutzlos.

Meiner Meinung nach wird sich der Rationalisierungsprozess dadurch beschleunigen. Mit dieser Krise ist es sehr deutlich geworden, dass ich eine durchgefärbte Platte benötige, wenn ich eine Küchenarbeitsplatte herstelle. Denn wenn der Konfektionär die Platte zuschneidet, muss sie in allen ihren drei Dimensionen gleich aussehen.

Aber wenn ich einen Boden oder eine Wandverkleidung herstelle brauche ich das nicht. Dann ist meiner Meinung nach die vollständig durchgefärbte Produktion eine Verschwendung.

Der vollständig durchgefärbte keramische Belag ist in diesem Fall nutzlos.

Trotz oder gerade aufgrund der Schwierigkeiten gibt es wichtige Produktentwicklungen und Trends, die also gleichzeitig in Richtung Nachhaltigkeit gehen?

Giovanni Savorani: Ja, das ist auch ein Thema, das in diese Richtung geht. Wenn wir über Nachhaltigkeit sprechen, müssen wir diese Dinge tun, sonst bleibt es dabei, dass wir nur darüber sprechen.

Es gibt noch ein weiteres Element, das wir diskutieren sollten um die Ökologie in der Keramikwelt zu gestalten oder zu verbessern. Nehmen wir an, dass Wirkung bedeutet mehr dünnere Materialien zu verwenden. Ich verstehe, dass die Verarbeitung schwieriger ist. Aber wir verbrauchen weniger Energie, weniger Rohstoffe, weniger Transporte und alles wird reduziert. Wenn wir Fliesen in 6 mm machen können, müssen wir die Regelwerke ändern und nachweisen, dass auch 6 mm ausreichend funktionsfähig sind.

Das gilt auch für die Bodenbeläge. Auch wenn das anspruchsvoller ist, sowohl in der Verlegung als auch in der Produktion, müssen in diese Richtung gehen, weil wir dadurch Energie und Rohstoffe einsparen. Wir müssen anfangen, mit den Zertifizierungsstellen zu sprechen.

Dies sind langwierige Prozesse, aber im Moment müssen sie beschleunigt werden. Es ist mehr als bewiesen, dass 6 mm Stärke ohne Netz ausreichend sind.

Daher sollten wir die Verleger schulen, sie haben auch einen Vorteil, wenn die Platten weniger wiegen, auch durch die niedrigeren Transportkosten: Ein LKW, der nach Deutschland fährt, kann 2.000 Quadratmeter laden statt 1.000. Auch das ist schonender für die Umwelt. Das sind alles sehr wichtige Ideen, die immer auch mit Energiesparen zu tun haben, aber natürlich noch viel weiter gehen.

Es ist mehr als bewiesen, dass 6 mm Stärke ohne Netz ausreichend sind.

Wie gut sind die italienischen Werke auf einen möglichen Gas-Stop vorbereitet? Was passiert in diesem Fall?

Giovanni Savorani: In diesem Fall besteht auch die Möglichkeit eines Produktionsstopps. Das hängt von den Anweisungen ab, die uns dann von den Regierungsbehörden erteilt werden. Ich glaube, dass Krankenhäuser, Schulen usw. absoluten Vorrang haben müssen. Danach muss eine Bewertung zwischen Haushalten und Industrie vorgenommen werden. Die Wohnungen könnten auch etwas kälter bleiben, da passiert nicht. Denn ich denke, wenn wir den Haushalten Erdgas geben müssen, um es aus der Industrie abzuleiten, dann haben wir am Ende Bürger im Warmen, die aber entlassen werden und ihre Heizkosten nicht bezahlen können.

Nach dem Krieg haben unsere Väter und unsere Großeltern beschlossen, zuerst die Fabriken und dann die Häuser wieder aufzubauen, und das war meiner Meinung nach eine großartige Botschaft.

Auf der Messe gibt es immer mehr Firmen, die die Besucher in ihre Werksausstellungen bringen. Wie beurteilen Sie diese Messen neben der Messe?

Giovanni Savorani: Sie verstehen sicher, dass ich als Messeveranstalter damit überhaupt nicht zufrieden bin. Die Vertriebsveranstaltungen finden zufällig in derselben Woche wie die Messe statt, nicht etwa zwei Wochen später. Das ist nicht schön, sagen wir mal so. Das ist meine Sichtweise.

Und wie sehen Sie das in Ihrer Rolle an der Spitze eines Keramikunternehmens?

Giovanni Savorani: Wir sind auf der Messe präsent, wo sehr viele Kunden vorbeikommen. Wie Sie sagen, können sich die größeren Unternehmen das leisten, und einige von ihnen tun es. Das ist unserer Meinung nach sicherlich negativ, denn wenn sich alle so stellen, wo endet das? Das heißt, dieses System kann nur funktionieren, solange die Messe stark bleibt. Aber dadurch wird die Messe zwangsläufig in gewissem Sinne geschwächt.

Das ist ein Trend, der sicherlich all diejenigen bestraft, die an der Messe teilnehmen und die Kosten tragen, um eine große Messe am Leben zu erhalten.

Anders ist natürlich die Tendenz, die Messe auch in die Stadt zu holen. Die Stadt mit ins Boot zu holen, in der die Messe stattfindet, ist sicherlich eine positive Tatsache. Denn wenn der Besucher die Messe verlässt, findet er sich immer noch in einem Umfeld wieder, das mit der Messe verbunden ist. Das macht die Stadt Bologna sehr gut, indem sie auch öffentliche Räume, Architekten, den Einzelhandel in Bologna mit einbezieht. Wenn in Bologna die Geschäfte in der Messewoche mehr verkaufen als in der Woche vor Weihnachten, wirkt sich die Messe sehr positiv aus.

Dieses System kann nur funktionieren, solange die Messe stark bleibt.

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