Auf der Suche nach Perfektion

Zu Besuch beim spanischen Fliesenhersteller Livingceramics

Der spanische Fliesenhersteller Livingceramics ist sicherlich einer der spannendsten und erfolgreichsten Newcomer, die die internationale Fliesenszene in den letzten 10 Jahren hervorgebracht hat. Was machen die Spanier, die mit den drei Marken Livingceramics, Lithotech und CeramicLab am Markt operieren, anders als andere? 1200Grad war vor Ort um es herauszufinden. Die Antwort lautet: einiges!

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Perfektion auch im Detail: Die Typo der Schrift ist übrigens die gleiche wie bei der Lufthansa. Die Rechte hat man gekauft weil man der Meinung war, diese passe am besten zur Marke.

Livingceramics hat sich u.a. „Perfektion“ auf die Fahnen geschrieben. Dieser Begriff fällt immer wieder im Gesprächen mit den Verantwortlichen. Doch Perfektion ist ein großes Wort und ein noch größerer Anspruch, schließlich steht Perfektion für Vollkommenheit und Unfehlbarkeit. Nun, unfehlbar ist sicherlich keiner, aber nach Ansicht der Manager von Livingceramics kann man wenigstens versuchen vollkommen zu sein.

Glas-Cube Büros selbst in der Fabrik.
Geschäftsführer Carlos Alba
Geschäftsführer Carlos Alba. Foto: Livingceramics

Ein kleine Geschichte veranschaulicht vielleicht am besten, warum Livingceramics jeden Tag daran arbeitet, Produkte, Produktion und Vermarktung weiter zu optimieren. Nachdem die neue Ausstellung in Castellón fertiggestellt war sollten die Innenräume in einem bestimmten Grauton gestrichen werden. Da die normalen RAL-Töne den Verantwortlichen nicht zusagten, wurden insgesamt 11 Farben zusammengemischt, bis man endlich den perfekten Ton getroffen hatte. Damit wurde alles gestrichen. Doch ganz so perfekt war die Farbe anscheinend dann doch nicht, denn je nach Lichteinfluss und nach Trocknung sah diese dann ein klein wenig anders aus als man es sich ursprünglich vorgestellt hatte. Mit dem Ergebnis, dass alles wieder komplett neu gemischt und gestrichen wurde.

Vielleicht hängt dieser hohe ästhetische Anspruch auch damit zusammen, dass Geschäftsführer Carlos Alba von Hause aus Architekt ist und von daher sehr viel Wert legt auf gestalterische Details. Das merkt man auch, wenn man durch die Produktion und Büros von Livingceramics geht. Selbst in der Fabrik sind die Schreibtisch-Arbeitsplätze in stylischen Glas-Cubes unterbracht. Die Büros in der Niederlassung in Castellón ähneln mit ihrem minimalistischen Ambiente eher einem Designer-Büro als einer Fliesenfabrik.

Michael Jamann, Handelsagentur und Objektberatung, Ioan Ilisiu, Verkaufsleiter für Nord-, Ost- und Zentral-Europa, und Stefan Bieling von ceramic4living (v.l.n.r.).

Stetiges Wachstum

Doch fangen wir an die Geschichte von Livingceramics von vorn zu erzählen. Das Unternehmen wurde 2013/ 2014 von den beiden Brüdern der Familie Parra und den beiden Brüdern der Familie Cifre gegründet. Beide Familien haben eine jahrelange Erfahrung bei renommierten spanischen Herstellern. Sie halten auch Anteile an anderen spanischen Werken, wie z.B. Argenta Cerámica und Cifre Cerámica.

Badewanne aus Lithotech Platten.

Mit nur fünf Mitarbeitern inklusive Geschäftsführern ging es los. Schnell wuchs Livingceramics auf 20 Mitarbeiter in 2015, 30 in 2016, 60 in 2017. 2017 wurde ein eigenes Werk in Onda gebaut, das mit einem Ofen und einer Produktionslinie ausschließlich Feinsteinzeug-Großformate im Continua-Plus Verfahren für den Weltmarkt hergestellt, insgesamt 2,8 Mio. qm im Jahr. Seit ca. zwei Jahren werden in Onda mit einem speziellen Produktionsverfahren von Sacmi auch großformatige Küchenarbeitsplatten mit einer besonderen Oberfläche produziert.

Aktuell befindet sich das Werk in einer Ausbauphase: Ab August 2022 sollen dort dann fünf Mio. qm pro Jahr durch den Ofen rollen. Der bestehende Ofen wurde verlängert und verbreitert. Die erweiterte Länge des Ofens sorgt für eine bessere Abkühlphase, so dass insbesondere bei den Großformaten Spannungen in der Abkühlphase vermieden werden. Seit 2020 gibt es zudem einen Technikturm im Werk, mit dem sich auch durchgefärbtes Feinsteinzeug für die Arbeitsplatten herstellen lässt.

Variable Lithotech Platten

Die großformatigen Platten werden unter dem Namen Lithotech in der Architektur und im Innenausbau eingesetzt. Vor allem Küchenstudios finden an den keramischen Riesen Gefallen. Aber auch Natursteinbetriebe, die das Material anscheinend besser weiterverarbeiten können als klassische Fliesenverleger, interessieren sich immer mehr für Lithotech Platten.

Beispiel Küchengestaltung

Mit der Firma ceramic4living (siehe unser Bericht hier) ist in Deutschland zudem ein Distributor tätig, der auch diverse Möbelstücke, wie Tische, Kamine, Waschtische etc. mit den Platten herstellt und erfolgreich vertreibt. Wer den Katalog von ceramic4living durchblättert wird feststellen, wie technisch und gestalterisch variabel die Lithotech Platten sind. Diverse Farben und Designs sowie kombinierbare Kleinformate, die aus den großen Platten zugeschnitten werden, eröffnen fast unendliche Gestaltungsmöglichkeiten.

In dem neuen Ofen werden ab September auch kleinere Formate bis 120×120 cm hergestellt. Kleinere, „alte“ Formate wie 15×15, 30×30 u.a. in besondere Farben und Oberflächen werden dann unter dem Markennamen CeramicLab auf den Markt kommen. Dieses Programm wird farbiger und verspielter sein als bei Livingceramics, bei dem vor allem gedeckte Grau-, Beige- und Schwarztöne das Programm bestimmen. Bei CeramicLab sollen auch individuelle Sonderserien schnell und einfach realisierbar sein.

Produktmuster für die neue CeramicLab Kollektion.

Wer nach dem Vertrieb über den klassischen Großhandel in Deutschland fragt, wird schnell ernüchtert. Denn die Verantwortlichen von Livingceramics haben ihre Lithotech Platten natürlich auch dort angeboten. Aber das Interesse war erschreckend gering, weil die Verarbeitung, Lagerung und der Transport der Großformat-Platten an Handel und Handwerk besonders hohe Ansprüche stellen. Jetzt hat vor allem der Natursteinhandel hier eine ertragreiche Nische für sich entdeckt, mit dem man sich vom Wettbewerb absetzen kann und mit dem sich gutes Geld verdienen lässt.

Architekten lieben die Großformate

Serie Kendo

Architekten lieben die großformatigen Lithotech Platten ebenfalls, weiß Michael Jamann zu berichten, der seit Unternehmensbeginn für Livingceramics die Agenturarbeit in Nordrhein-Westfalen, Hessen, Rheinland Pfalz und im Saarland macht mit dem Schwerpunkt der Planungsbüros. Dabei hat das Livingceramics Programm viele interessante Großformate im Angebot, die auch in jeder klassischen Fliesenausstellung eine Bereicherung wären. Wie z.B. die Serie Kendo light, die auf dem deutschen Markt besonders beliebt ist. Sie wird in drei Farben, acht Formaten bis maximal 120×270 cm, drei Oberflächen und drei Stärken angeboten.

„Wir versuchen immer tiefe Serien zu realisieren“ weiß Ioan Ilisiu, Verkaufsleiter für Nord-, Ost- und Zentral-Europa zu berichten. „Das heißt, die Serien sollen durchgehende Gestaltungen von innen nach außen ermöglichen und mit ihren diversen Oberflächen und Trittsicherheitsklassen allen Architektenansprüchen gerecht werden,“ so Llisiu weiter.

Ioan Ilisiu, Verkaufsleiter für Nord-, Ost- und Zentral-Europa.

Auffallend ist dabei eine neue 3D-Struktur, deren reliefierte Oberfläche nicht gepresst ist, sondern mit einer Digitaltechnik produziert wird, die besonders gefällige Haptiken erzeugt. Dafür wurden extra neue Maschinen mit technologisch revolutionäre Druckköpfe für den Digitaldrucker angeschafft und integriert. Kosten über 200.000 € – pro Stück! Mit der chemischen Reaktion einer Beschichtung wird dann in einem sehr aufwändigen und schwierigen Verfahren die besondere Oberfläche erzielt. Verschiebt sich die Platte während des Druckprozesses um nur 1 mm, ist die gesamte Platte nicht mehr zu gebrauchen.

Die Bearbeitung des Architekten-Marktes ist in der Vergangenheit weiter intensiviert worden, weil sich Livingceramics damit eine entsprechende Handelsnachfrage erhofft. In Deutschland taucht Livingceramics bislang vornehmlich bei kleineren Boutique-Händlern auf. Auch einige Orion-Händler führen die Spanier im Programm. Fakt ist, dass bei den hochwertigen Produkte nicht gerne über den Preis verhandelt wird. „Das ist auch gar nicht nötig,“ weiß Michael Jamann zu berichten, „denn bei den Architekten ist das Budget da um höhere Preise zu generieren. Natürlich möchten wir auch weiterhin interessierte Großhändler finden, aber nicht um jeden Preis.“

Außerdem ist das Unternehmen auf den bekannten Architektur-Messen vertreten. Kleinformatige Mustermappen im A5 Format verschaffen zudem übersichtlich und effektiv einen Überblick über Serien und Produkte. Einige Serie haben bereits Designpreise gewonnen, was bei den Planer zusätzlich für Renommee sorgt.

Michael Jamann mit den Musterfoldern.

Designerserie sorgen für Furore

Für Aufsehen sorgte die eigens von Designern geschaffene Serien. Die bekannten Gestalter Victor Carrasco und das Duo Paolo Lucidi und Luca Pevere schufen aktuell für Livingceramics die Kollektionen Bisel und Cava aus der Linie Signatur Surfaces, die in ihrer Vielseitigkeit fast unerschöpfliche Möglichkeiten bietet. Alle zwei Jahre schafft Livingceramics so mit wechselnden Designern zusätzlich zu den normalen Serien noch Produkt-Highlights, die für Aufsehen sorgen.

Das Duo Paolo Lucidi und Luca Pevere schufen aktuell für Livingceramics die KollektionCava aus der Linie Signatur Surfaces.
Fotos der Mitarbeiter in der Ausstellung.

Davon profitiert auch Stefan Bieling, Geschäftsführer von ceramic4living. Er spricht vor allem Kunden und Verarbeiter in der Innenarchitektur an, als Steinmetze und Keramik verarbeitene Betriebe. Außerdem ceramic4living als Distributor für die DACH-Länder tätig.. Bieling und sein Team verkaufen die Lithotech Slabs als solche, aber auch fertige Produkte aus dem Material.  Zum Angebot gehören neben den bereits erwähnten Küchenarbeitsplatten auch Platten für Infrarotheizungen, individuelle Waschtische mit passenden Möbeln, Tische für Indoor und Outdoor, Pflanzentröge sowie Outdoor-Duschen und -Küchen. Ein Programm, das durchaus auch für den Großhandel interessant sei, so Bieling. „Es wäre schön wenn einige Großhändler bei solchen Produkten etwas mehr über ihren Tellerrand schauen würden,“ so Stefan Bieling weiter.

Ausstellung ist ein Benchmark

Wer jemanden von Livingceramics und den Produkten überzeugen möchte sollte auf jeden Fall in die Ausstellung nach Castellón fahren. Die ganz in Dunkelgrau gehaltene Ausstellung (Sie erinnern sich an unsere kleine Eingangsgeschichte!) ist ein Benchmark in Sachen Fliesenausstellung! Die Keramik-Objekte kommen fast wie Kunstwerke daher, schweben in Räumen und an den Decken. Schwarze Stege führen über Wasserflächen an Großformaten vorbei. Aus riesigen Fenstern fällt der Blick abwechselnd in das Lager oder auf die Straßenseite und gibt so ganz neue Ein- und Ausblicke. Dazwischen sorgen kleine Oasen mit echten Grünpflanzen für natürliche Kontraste.

Blick von der Ausstellung Richtung Lager durch große Scheiben.

An den Wänden hängen stylische Schwarz-Weiß-Fotos der vorrangig jungen Mitarbeiter. Man nimmt Ioan Ilisiu sofort ab, wenn er erzählt, dass diese engagierten Leute alle für ihren Job bei Livingceramics brennen. Daher auch der Name Livingceramics: Hier lebt man das Thema Fliese! Flache Hierarchien und transparente Prozesse tun ihr übriges, um die Identifikation mit dem Job hoch zu halten. Auffallend in den Büros: Alles ist aus Glas und auch das Büro des Geschäftsführers hebt sich wohltuend nicht von den Arbeitsplätzen der restlichen Mitarbeiter ab.

Das Büro von Geschäftsführer Carlos Alba (2.v.r.) grenzt direkt an die Büros der Mitarbeiter und überzeugt durch Schlichtheit.

Erstaunliche Unternehmenszahlen

Geschäftsführer Carlos Alba ist nicht nur Architekt und Feingeist, sondern auch ein Motivator, der seine Crew zu immer neuen Höchstleistungen pusht. Spirit, Perfektion in jedem Detail, Sauberkeit und Gradlinigkeit sind die Treiber der Firmen-DNA. So kommen dann in kurzer Zeit auch erstaunliche Unternehmenszahlen zustande: 2021 erzielte Livingceramics mit 140 Mitarbeitern einen Umsatz von 41,5 Mio. Euro. Für 2022 peilt das Unternehmen einen Umsatz von 60 Mio. Euro an. Die ersten sechs Monate seien phantastisch gelaufen, so Alba. „Aber angesichts der aktuellen Situation weiß niemand, ob und wie das weitergehen wird.“ Insgesamt 78 Prozent der Erlöse werden im Export erzielt. Die wichtigsten Absatzländer sind Frankreich, Belgien, Schweden, die USA und auf Platz fünf Deutschland.

Zum Wachstum gehört u.a. ein beständig hohe Investitionsbereitschaft. Allein in 2022 werden dafür 30 Mio. Euro bereit gestellt. Und so dürfte die Erfolgsgeschichte von Livingceramics auch in den kommenden Jahren weitergehen. Denn Perfektion ist machbar, davon scheint bei Livingceramics jeder Mitarbeiter felsenfest überzeugt zu sein.

Weitere Infos unter:

livingceramics.com

www.mjamann-objektberatung.de

www.ceramic4living.de

Video-Interview mit Ioan Llisiu, Verkaufsleiter für Europa:

 

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