Seit ihrem Eintritt in die Geschäftsführung der Argelith Bodenkeramik H. Bitter GmbH im Jahr 2022 hat Eva Bitter die strategische Weiterentwicklung des Unternehmens maßgeblich geprägt. Trotz der wirtschaftlich herausfordernden Jahre infolge von Corona-Pandemie, Energiekrise und Baukonjunktur gelang es, die Marktposition zu stärken, die Ertragskraft zu verbessern und umfangreiche Investitionen in die Modernisierung des Werkes zu realisieren. Gleichzeitig wurden Prozesse verschlankt und zahlreiche Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz umgesetzt. wir sprachen mit ihr über den Markt und die Entwicklung des Unternehmens.
Warum verliert die Fliese aus Ihrer Sicht heute noch Projekte an Beschichtungen, obwohl sie technisch oft die langlebigere Lösung ist?
Die Beschichtungsbranche macht vieles richtig, was wir als Fliesenbranche lange vernachlässigt haben: einen starken Vertrieb, eine hohe Marktpräsenz und klare Botschaften. Beschichtungen wirken zunächst oft günstiger und schneller. Betrachtet man jedoch die gesamte Nutzungsdauer, sieht die Rechnung anders aus. Reparaturen, Teilsanierungen und Produktionsunterbrechungen kommen meist erst später.
Ich bin überzeugt, dass die Fliese ihre Marktanteile nicht auf technischer Ebene verliert. Sie verliert sie in der Kommunikation. Wir müssen den langfristigen Nutzen keramischer Lösungen verständlicher vermitteln.
Wir müssen den langfristigen Nutzen keramischer Lösungen verständlicher vermitteln.
Welche Vorurteile oder Missverständnisse über keramische Industrieböden begegnen Ihnen im Markt am häufigsten?
Viele verbinden Fliesen aufgrund der Fugen noch immer mit Hygieneproblemen oder mangelnder Haltbarkeit. Oft hat man dabei eher ein in die Jahre gekommenes Badezimmer als einen modernen Industrieboden vor Augen. Dabei haben sich keramische Industrieböden enorm weiterentwickelt. Wasseraufnahme, Maßhaltigkeit, Belastbarkeit, Reinigungsfähigkeit und die Qualität des Fugenmaterials haben heute ein ganz anderes Niveau als noch vor einigen Jahrzehnten. Außerdem wird häufig angenommen, dass Beschichtungen grundsätzlich günstiger seien. Das stimmt so pauschal nicht.
Viele verbinden Fliesen aufgrund der Fugen noch immer mit Hygieneproblemen oder mangelnder Haltbarkeit.
Wo macht es sich die Fliesenbranche aus Ihrer Sicht vielleicht selbst unnötig schwer?
Ich glaube, dass die Fliesenbranche viel zu selten über den eigentlichen Wert ihres Produkts spricht. Keramik besteht aus natürlichen Rohstoffen, ist langlebig, reinigungsfreundlich und bietet genau die Eigenschaften, nach denen heute überall gesucht wird: Nachhaltigkeit, Werterhalt und Investitionssicherheit. Stattdessen beschäftigen wir uns häufig stärker mit Preisvergleichen und gegenseitigem Unterbieten als mit den Vorteilen keramischer Lösungen.
Ich glaube, dass die Fliesenbranche viel zu selten über den eigentlichen Wert ihres Produkts spricht.
Was müsste die Branche insgesamt besser machen, um ihre Vorteile deutlicher herauszustellen?
Wir sprechen zu oft über den Anschaffungspreis und zu selten über den langfristigen Nutzen und die damit verbundenen wirtschaftlichen Vorteile. Die Branche sollte stärker über Lebensdauer, Hygiene, Werterhalt und Investitionssicherheit sprechen – nicht mit Schlagworten, sondern anhand konkreter Praxisbeispiele und mit echten Fakten unterlegt. Wenn wir die Diskussion von den Investitionskosten auf die Lebenszykluskosten verlagern, wird die Fliese deutlich mehr Projekte gewinnen.
Sie haben sich in den vergangenen Jahren stark auf Technik, Prozesse und Produktion konzentriert. Warum war Ihnen dieser Weg wichtiger als sichtbareres Marketing?
Für mich persönlich war es wichtig, das Unternehmen und unsere Produkte zunächst wirklich zu verstehen. Ich bin überzeugt, dass man nur glaubwürdig über Stärken sprechen kann, die man selbst kennt. Natürlich haben wir auch im Marketing viel gemacht – neue Website, SEO, SEA, Hygienekampagne, Messeauftritte, Dokumentation unserer FGK-Ergebnisse und vieles mehr.
Vielleicht wurde zeitweise mehr über Argelith gesprochen als von Argelith (lacht). Umso wichtiger ist es mir heute, das, was wir technisch aufgebaut haben, wieder stärker selbst nach außen zu vertreten.
Für mich persönlich war es wichtig, das Unternehmen und unsere Produkte zunächst wirklich zu verstehen.
Welche technischen Entwicklungen bei Argelith haben in den letzten Jahren aus Ihrer Sicht den größten Unterschied gemacht?
Die größte Entwicklung war die konsequente Modernisierung unseres Werks. Neben vielen Investitionen im Hintergrund haben wir die Produktqualität weiter verbessert, den Versatz optimiert, technische Kennwerte weiter gesteigert und die Produktionssicherheit erhöht.
Besonders wichtig waren der Umbau unseres großen Rollenofens für zusätzliche Hexalith-Kapazitäten sowie die Weiterentwicklung unserer mvtec-Technologie. Da ist unserer Technik ein echter Meilenstein gelungen, auf den wir bei Argelith sehr stolz sind.
Warum entwickelt sich Argelith international aktuell so positiv, während der deutsche Markt weiterhin herausfordernd bleibt?
Unsere Investitionen in internationale Vertriebsstrukturen, Zertifizierungen und Marktzugänge zahlen sich erfreulicherweise aus, sodass wir die aktuelle und bereits langanhaltende Investitionszurückhaltung hier im Land abfedern können. Dennoch bleibt Deutschland für uns ein wichtiger Markt. Und ich bin zuversichtlich, dass sich auch hier, wie wir vermehrt im Ausland erleben, der Fokus wieder verstärkt auf technische Leistungsfähigkeit, Lebensdauer und den langfristigen Nutzen einer Investition richten wird. Dann wird die Stimmung auch wieder steigen. Im Land so wie in der Branche.
Wenn Sie heute auf die nächsten fünf bis zehn Jahre blicken: Welche Rolle werden keramische Industrieböden künftig spielen?
Ich glaube, dass keramische Industrieböden künftig eher an Bedeutung gewinnen werden. Die Anforderungen an Hygiene, Betriebssicherheit und Nachhaltigkeit steigen kontinuierlich. Bisher wird zu oft übersehen, dass ein Boden, der 30 oder 40 Jahre zuverlässig funktioniert, eine der nachhaltigsten Lösungen überhaupt ist.
Ich glaube, dass keramische Industrieböden künftig eher an Bedeutung gewinnen werden.
Die Qualität des Produkts bleibt die Grundlage. Aber ich habe gelernt, dass gute Produkte ihre Geschichte nicht von allein erzählen. Wer vom Wert seines Werkstoffs überzeugt ist, sollte ihn auch selbstbewusst vertreten und den Nutzen verständlich nach außen tragen. Genau darin sehe ich eine der wichtigsten Aufgaben für die kommenden Jahre. Für Argelith aber auch für die gesamte Branche.
Vita Eva Bitter
Eva Bitter wurde 1973 in Georgsmarienhütte geboren und wuchs unweit des Argelith-Werks in Bad Essen auf. Nach Abitur und kaufmännischer Ausbildung führte ihr Weg zunächst in den internationalen Spitzensport (sechs Goldmedaillen bei den Deutschen Meisterschaften der Springreiterinnen, zahlreiche Siege und Platzierungen im internationalen Springsport) später in den Aufbau eines eigenen Unternehmens, bevor sie 2022 in die Geschäftsführung von Argelith eintrat.
Wir haben über das Unternehmen bereits vor einiger Zeit ausführlich berichtet, siehe hier.





