„Barrierefreiheit ist nicht kostenträchtiger Luxus für eine Minderheit, sondern ein Stück Lebensqualität für jedermann“ (Zitat Christian Joachimi, ehemaliger Behindertenbeauftragter und Vorsitzender der Behindertengemeinschaft der Stadt Bonn).
Die Gestaltung von barrierefreien Lebensräumen ist eine sehr umfangreiche Thematik mit einer Vielfalt an unterschiedlichen Aspekten. Barrierefreie Konzeptionen bergen in sich eine hohe Nachhaltigkeit. Die bauliche Maßnahme, die heute durch die Barrierefreiheit zur Lebensqualität beiträgt, wenn beispielsweise junge Eltern den Kinderwagen nicht mehr über Stufen hochwuchten müssen, kann in veränderter Lebenssituation lebensnotwendig werden, wenn man z. B. infolge von Alter, Krankheit oder Unfall in seiner Mobilität eingeschränkt ist.
Ein Kernelement bei der Raumgestaltung mit keramischen Fliesen und Naturwerksteinen ist das Badezimmer, welches natürlich auch beim barrierefreien Bauen eine maßgebliche Rolle spielt. Das Badezimmer ist für den Nutzer eine sehr intime Zone, in welcher der Wunsch nach isolierter Handlungsfreiheit besonders hoch ist. Entsprechend muss hier ein ganz besonderes Augenmerk auf funktionale und ästhetische Barrierefreiheit gelegt werden. Vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten mit keramischen Fliesen und Naturwerksteinen bieten dabei großes Potential, mit einfachen Mitteln Barrieren abzubauen.
Barrieren
Der Begriff der Barrierefreiheit wird heute landläufig damit verbunden, dass keine Schwellen oder Stufen vorliegen. Die Beschränkung auf die Ebenflächigkeit ist in der Betrachtung aber zu sehr eingeschränkt und aus diesem Aspekt heraus sachlich falsch. Grundsätzlich müssen verschiedene Arten von Barrieren unterschieden werden. Im Rahmen der Gestaltung mit Keramikbelägen und Naturwerkstein sind besonders folgende Barrierearten zu beachten:
1. Vertikale Barrieren
Bei den vertikalen Barrieren handelt es sich um Schwellen oder Stufen, die einen gehbehinderten Menschen in seiner Bewegungsfreiheit einschränken. Klassisches Beispiel hierfür sind natürlich Treppenläufe in und vor Gebäuden, die von mobilitätseingeschränkten Menschen nicht genutzt werden können. Im Badbereich betrifft dies in aller Regel die Duschwanne mit einem hohen Einstieg, die von einem Rollstuhlfahrer nicht genutzt werden kann.
2. Horizontale Barrieren
Horizontale Barrieren beschränken die Nutzung einer Fläche dadurch, dass sie die nutzbare Breite reduzieren. Ein typisches Beispiel ist ein Türdurchgang, der zu schmal ist, um einem Rollstuhlfahrer die Passage zu ermöglichen. Gerade Rollstuhlfahrer benötigen Raum zum Manövrieren, der in Badezimmern auch durch Sanitärobjekte und dergleichen eingeschränkt werden kann.
3. Sensorische Barrieren
Viele Barrieren entstehen erst dann, wenn ein Wahrnehmungssinn nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr funktional ist. Unter anderem betrifft dies:
3.1 Haptische Barrieren
Speziell blinde Menschen müssen sich besonders auf ihren Tastsinn, die sogenannte Haptik, verlassen. Vor diesem Aspekt werden beispielsweise an Bus- und Bahnsteigen Rillen- oder Noppensteine verwendet, die die Grenze zum Fahrzeugbereich aufzeigen. Diese Materialien sind mit dem sogenannten Langstock ertastbar. Barrieren im Badezimmer entstehen dann, wenn sich im konkreten Fall keine Differenzen erkennen lassen. So kann ein blinder Mensch gegebenenfalls nicht erfühlen, ob er sich schon in einer Duschfläche befindet, wenn der Bodenbelag eines Badezimmers einfach in der Dusche durchgezogen wurde.
3.2 Optische Barrieren
Optische Barrieren stellen vor allen Dingen eine Problematik für Menschen mit Sichteinschränkungen bzw. Sehbehinderungen dar. Objekte oder Flächen können aufgrund der Sichteinschränkungen nicht wahrgenommen werden. Sicher ist es schon vielen Menschen mit normalem Augenlicht passiert, dass sie sich den Kopf an einer geschlossenen Glastür gestoßen haben. Das Objekt „Glastür“ wurde schlicht nicht wahrgenommen. Im Badezimmer wird so beispielsweise die glasklare Duschtrennwand zum Problem für einen Menschen mit Einschränkungen in seiner Sehkraft. Kontrastlose Umgebungen erschweren die Orientierung. Hinzu kommt, dass Sehhilfen z. B. beim Duschen nicht benutzt werden, d. h. Menschen mit Sehhilfen schränken sich hier weiter ein.
Maßnahmen
Grundsätzlich gibt es eine Vielfalt an Maßnahmen, welche ergriffen werden können, um Barrieren zu beseitigen. Speziell in Sanitärräumen ist sofort an die bodengleiche Dusche zu denken. Und die ist natürlich sehr günstig, da sie nicht nur dem Rollstuhlfahrer einen Zugang zum Duschplatz ermöglicht, sondern alle anderen Nutzer auch vor Stolpergefahren bewahrt.
Auch andere Maßnahmen sind eigentlich vom Konzept her einfach. Diese betreffen z. B. einen ausreichenden Platz oder definierte räumliche Bewegungszonen. Vor allen Dingen dürfen diese Bewegungszonen nicht durch in den Raum hereinragende Armaturen oder ähnliches gestört werden. Weitere Möglichkeiten bieten Haltevorrichtungen, speziell für Menschen, deren Stehvermögen eingeschränkt ist oder die auf einen Rollstuhl angewiesen sind.
Grundsätzlich müssen nassbelastete Flächen eine ausreichende Rutschsicherheit aufweisen. Es empfiehlt sich hier die Orientierung an der Qualität R10/B.
Speziell für Menschen mit Einschränkungen in der Sehkraft ist es notwendig, Orientierungspunkte zu schaffen. Vergleichsweise einfach ist dies möglich durch optisches Design. Eine Duschfläche, welche mit der farbgleichen Keramik hergestellt wurde wie der Restbelag im Badezimmer, ist schwer zu finden. Wird sie aber farblich abgesetzt oder zumindest mit einer optischen Einfassung versehen, werden Orientierungsmöglichkeiten geschaffen.
Eine weitere Möglichkeit, gerade bei der Gestaltung der Duschfläche, ist die Wahl eines von der Restfläche abweichenden Belags. Während beispielsweise die Hauptfläche mit einer normal- oder großformatigen Fliese ausgestattet werden kann, wird der Duschbereich mit einem Mosaik gestaltet. Barfuß kann ein blinder Mensch so sensorisch erkennen, in welchem Bereich des Badezimmers er sich befindet.
Ähnliche Möglichkeiten ergeben sich aus der Anordnung von haptisch unterschiedlich wahrnehmbaren, sich in Griffhöhe befindenden Bordüren.
Kontrastreiche Gestaltungen erleichtern die Orientierung. Klar, das weiße Handwaschbecken zeichnet sich vor der weiß verfliesten Wandfläche nicht ab. Wird hingegen die Wandfläche hinter dem Waschbecken farblich abgesetzt, ist das Waschbecken für jemanden mit Seheinschränkungen leichter zu finden. In Abhängigkeit der Fliesengröße bieten hier auch farbige Fugenmörtel Gestaltungsmöglichkeiten. Im Allgemeinen empfiehlt es sich, auch Boden- und Wandflächen voneinander farblich und/oder helligkeitstechnisch voneinander abzusetzen.
Wichtig ist natürlich auch eine ausreichende Beleuchtung, die aber nicht so stark ausgeprägt sein darf, dass sie blendet. In Bezug auf die Wahl der Keramik ist es vor diesem Hintergrund günstig, auf hochglänzende Werkstoffe zu verzichten. So werden Blendeffekte vermieden.
Individuelle Anpassung
Ganz maßgeblich ist selbstverständlich die individuelle Anpassung an den Betroffenen. Gut unterfahrbare Einrichtungsgegenstände sind für einen Rollstuhlfahrer sehr wichtig. Für den Sehbehinderten, der sich ggf. mit seinen Füßen oder sogar mit dem Langstock orientiert, sind diese jedoch nachteilig, da ihm die Orientierung am Gegenstand fehlt.
Auch die bewusste Anordnung von „Stufen“ z. B. in Form von Sitzflächen oder Sitzpulten in Badezimmern und Duschflächen, kann Barrieren für Menschen abbauen, welche nicht mehr die Kraft besitzen, länger zu stehen, aber noch so mobil sind, dass sie keinen Rollstuhl benötigen.
Fazit
Barrierefreiheit spielt besonders für behinderte Menschen und solche in fortgeschrittenem Alter eine Rolle. Aber speziell infolge von Krankheit oder Unfall kann jedermann sehr schnell durch Barrieren eingeschränkt werden. Es ist falsch, nur Schwellen als Barrieren anzusehen.
Im Rahmen der barrierefreien Gestaltung von Wohnflächen stellen Badezimmer einen zunehmenden Schlüsselfaktor dar. Von 480.000 Badezimmersanierungen im Jahr 2012 wurden rund ein Drittel, also ca. 160.000, altersgerecht bzw. barrierefrei durch SHK-Unternehmen durchgeführt. (Angabe des ZVSHK Zentralverband Sanitär Heizung Klima) Vielfach werden derartige Maßnahmen durch Förderung der öffentlichen Hand unterstützt.
Gerade ältere Menschen leiden häufig an Sehproblemen, die sich bis hin zur Sehbehinderung ausprägen können. Durch durchdachte gestalterische Möglichkeiten wird für diese Personen die Nutzung des Bades komfortabler, nicht nur durch schwellenlose Ausführung.
Besonderer Erfolg stellt sich dann ein, wenn eine individuelle Anpassung durchgeführt werden kann. Aber schon die Beachtung einiger grundlegender Gestaltungsmöglichkeiten baut Barrieren ab. Gerne steht Ihnen der technische Service der Sopro Bauchemie beratend zur Verfügung.
Weiterführende Literatur zum Thema finden Sie z. B. hier:
Zentralverband Deutsches Baugewerbe Barrierefrei(es) Bauen und Wohnen Leitfaden für mehr Komfort und Sicherheit 3. Auflage, August 2012
DIN 18040 Barrierefreies Bauen-Planungsgrundlagen
www.nullbarriere.de
www.barrierefrei.de
Autor: Thomas-Ken Ziegler, Anwendungstechnik, Sopro Bauchemie GmbH










