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Die Fliesenbranche steht am Scheideweg

Die Warnrufe aus Italien und Spanien hätten kaum lauter sein können. Was ihre Keramikindustrie derzeit erlebt, steht sinnbildlich für einen größeren europäischen Trend: Wir verlieren industrielle Stärke – nicht schleichend, sondern in einer Geschwindigkeit, die nur noch als dramatisch bezeichnet werden kann. Während in Brüssel darüber diskutiert wird, wie streng oder wie schnell das ETS weitergedreht werden soll, vollzieht sich auf dem globalen Markt längst eine tektonische Verschiebung. Europa ringt um CO₂-Zahlen hinter dem Komma, während China ungestört ganze Branchen übernimmt.

Die Parallelen zu anderen Industriezweigen liegen schmerzlich offen. Die Photovoltaikproduktion ist bereits zu großen Teilen ausgelagert – ein Industriezweig, den Europa einst dominiert hat, heute aber zu über 90 Prozent aus China importiert. Bei Batteriezellen wiederholt sich die Geschichte: Trotz milliardenschwerer Fördertöpfe bauen asiatische Anbieter in Europa eigene Fabriken auf, während europäische Hersteller sich zurückziehen oder gleich ganz aufgeben. Selbst im Maschinenbau, jahrzehntelang letzte Bastion europäischer Ingenieurskunst, wächst der Druck durch chinesische Wettbewerber, die zu Preisen anbieten, die unter hiesigen Produktionskosten liegen – und das bei einer Geschwindigkeit von Skalierung, mit der Europa schlicht nicht mithalten kann.

Was jetzt in der Keramikindustrie passiert, ist also keine Ausnahme, sondern eine Fortsetzung dieser Entwicklung. Doch hier kommt eine zusätzliche Ebene hinzu: Italienische und spanische Fliesen stehen nicht nur für Industriestärke. Sie sind auch ein Stück Kulturgut.

Ob Sassuolo, Modena oder Castellón – diese Regionen leben seit Generationen von einer Industrie, die Handwerk, Ästhetik und Hightech verbindet wie kaum ein anderer Sektor. Wenn diese Industrie verschwindet, verlieren wir weit mehr als Wertschöpfung. Wir verlieren auch ein Stück europäischer Identität.

Umso bedrückender ist die Tatsache, dass die größten Bedrohungen von außen kommen – und gleichzeitig durch eine politische Realität verstärkt werden, die weder Tempo noch Dimension der globalen Konkurrenz einordnet. Während europäische Hersteller unter einem strengen Emissionshandelssystem stehen, agieren die Wettbewerber in China, Indien oder der Türkei in einem regulatorischen Vakuum. Sobald europäische Produzenten sich nicht mehr halten können, springen andere mit Freuden in die Lücke – mit Preisen, die hiesige Standards schlicht unmöglich machen.

Dabei geht es nicht nur um Arbeitsplätze. Es geht um strategische Unabhängigkeit. Wer kritische Industrien aufgibt, wird abhängig – von Energielieferanten, von Rohstoffen, von Technologien, von Märkten. Die Coronakrise hat das in aller Deutlichkeit gezeigt: Europa steht am Ende der Lieferkette, wenn andere entscheiden, wer zuerst beliefert wird. Wenn wir Fliesen, Batterien, Solarmodule, Werkzeugmaschinen oder Halbleiter komplett importieren müssen, dann verlieren wir nicht nur Wohlstand, sondern Gestaltungsmacht.

In der Keramikbranche tritt die Schieflage besonders klar hervor. Der Sektor ist energieintensiv, ja – aber er ist auch einer der effizientesten der Welt. Und er hat in den letzten Jahrzehnten bewiesen, dass er bereit ist zu investieren. Doch wenn ein System – wie das ETS in seiner geplanten Form – dazu führt, dass ausgerechnet die am weitesten fortgeschrittenen Produzenten die höchsten Belastungen tragen, während weniger regulierte Länder Marktanteile gewinnen, dann wird Klimapolitik kontraproduktiv. Sie schützt nicht die Umwelt, sondern verschiebt Emissionen an Orte, wo keine Regeln gelten.

Europa steht an einem der entscheidendsten industriepolitischen Wendepunkte seit Jahrzehnten. Entweder erkennen wir den strategischen Wert unserer Produktionsstandorte – oder wir verlieren sie. Nicht nur in der Keramik. Nicht nur in Italien oder Spanien. Sondern überall dort, wo Industrien Herzstücke unserer Wirtschaft und Kultur bilden.

Wenn wir sie opfern, wird der Preis immens sein. Und es sind nicht die Chinesen, die ihn bezahlen. Es sind wir.

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