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Alles Fotos: Redaktion
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Cersaie 2026: Zwischen Krisenmodus und Zukunftsfragen

Auf der internationalen Pressekonferenz der Cersaie 2026 stand das Wort „Krise“ in großen Lettern über den Protagonisten auf der Bühne. Schon dieses Bild machte deutlich, wie ernst die Lage in der Fliesenbranche inzwischen ist. Ein einfaches Resümee der Messe fällt deshalb schwer. Die Cersaie kann sich den Problemen ihres Marktumfelds nicht entziehen. Sie ist ein Spiegel der Branche – und dieser Spiegel zeigt derzeit einige Risse.

Das Wort Krise schwebte über allen(m). Entsprechend ernst waren die Gesicht auf der Pressekonferenz.

Beginnen wir mit den Fakten. Die Cersaie präsentierte sich 2026 mit einer Ausstellungsfläche von rund 145.000 Quadratmetern und 597 Ausstellern aus 24 Ländern. Damit bleibt sie die größte internationale Fachmesse ihrer Art. Darauf kann die Veranstaltung zu Recht stolz sein. Doch die Cersaie muss sich heute weniger mit anderen Messen messen als mit ihrer eigenen Vergangenheit.

Die deutsche Präsenz ist deutlich geschrumpft

Wer einige Jahre zurückblickt, erkennt die Veränderung schnell. Vor rund fünf Jahren stand auf unserer Besuchsliste eine lange Reihe deutscher Unternehmen. Aus dem Fliesensegment waren unter anderem Agrob Buchtal, Villeroy & Boch, Boizenburg, Meissen Keramik und Steuler in Bologna vertreten. Auch im Zubehörbereich war die Liste umfangreich: Schlüter-Systems, Proline, Blanke, Dural und Sopro gehörten zu den Unternehmen, die man auf der Messe antraf.

2026 ist davon kaum etwas übrig geblieben. Unternehmen wie Visoft, Palette CAD und Akemi waren aus deutscher Sicht nur noch wenige verbliebene Anlaufpunkte. Die Gründe für den Rückzug sind unterschiedlich. Manche Unternehmen existieren nicht mehr, andere haben sich bewusst gegen eine Teilnahme entschieden.

Freie Hallenfläche wurden zum Teil mit Pop-up Cafés gefüllt.

Jahrelang hatte die Cersaie darauf verwiesen, dass frei werdende Standflächen problemlos durch internationale Interessenten besetzt werden könnten. Von langen Wartelisten war die Rede. In diesem Jahr entstand allerdings an verschiedenen Stellen ein anderes Bild. In mehreren Hallen waren freie Flächen zu sehen, teilweise wurden sie während der Messetage mit Pop-up-Cafés genutzt. Der Eindruck drängte sich auf: Für einen wachsenden Teil der Fliesen- und Zubehörbranche ist die Cersaie längst keine Pflichtveranstaltung mehr.

Hausmessen werden zur Konkurrenz

Es gibt sie noch, die keramischen Schmuckstücke der besonderen Art.

Die Gründe dafür liegen nicht allein bei der Messe. Die Corona-Jahre haben den Unternehmen gezeigt, dass Geschäfte auch ohne große internationale Veranstaltungen funktionieren können. Digitale Kommunikation, individuelle Kundentermine und eigene Veranstaltungen haben an Bedeutung gewonnen.

Besonders stark entwickelt haben sich die sogenannten „Hausmessen“. Der Begriff reicht inzwischen weit über klassische Veranstaltungen im eigenen Unternehmen hinaus. Dazu gehören die Messen des deutschen Handels, die für viele Hersteller praktisch Pflichttermine sind, weil dort ihre Kunden vertreten sind. Ein erheblicher Teil des verfügbaren Messebudgets wird damit bereits gebunden.

Hinzu kommen die Veranstaltungen der Hersteller selbst. Besonders die italienischen Unternehmen rund um Sassuolo laden ihre Kunden während der Cersaie-Tage seit Jahren in die eigenen Werke ein. Dort werden Neuheiten präsentiert, Gespräche geführt und die Besucher über viele Stunden betreut. Für den Kunden ist das attraktiv. Für die Cersaie ist es ein Problem, wenn derselbe Besucher deshalb nicht mehr durch die Messehallen läuft.

Kritik aus der eigenen Branche

In diesem Jahr war erstmals deutlich Kritik an dieser Entwicklung zu hören. Einzelne italienische Hersteller wurden dafür kritisiert, ihre eigenen Geschäftsinteressen zulasten der Messe zu verfolgen. Die Motive für die Hausmessen sind nachvollziehbar. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie lange eine internationale Leitmesse ihre Bedeutung behalten kann, wenn immer mehr Unternehmen versuchen, ihre Kunden während der Messetage auf eigene Veranstaltungen zu lenken.

Der Besucherrückgang ist zum Teil auch sichtbar.

Eine ähnliche Entwicklung musste bereits die Cevisama in Valencia erleben. Auch dort hatte die Messe über Jahre mit veränderten Besuchergewohnheiten und einer rückläufigen Bedeutung zu kämpfen. 2025 wurde die Veranstaltung schließlich eingestellt.

Auch bei italienischen Unternehmen ist die Präsenz auf der Cersaie kleiner geworden. Firmen, die in den vergangenen Jahren zumindest mit kleinen Ständen oder Anlaufpunkten vertreten waren, fehlen inzwischen ebenfalls. Besonders schmerzhaft ist das bei großen Branchennamen, wie zum Beispiel die Iris Gruppe.

Was bedeutet Marktführerschaft?

Nicht nur bei den Italienern man fragt sich ernsthaft, wieso selbst genannte Marktführer wie die Meta Wolf Gruppe mit ihrer Marke Agrob Buchtal zum Beispiel nicht auf der Cersaie vertreten ist, wo doch insbesondere internationale Architekten in Italien zahlreich auf der Messe anzutreffen sind. Wer sich selbst als Marktführer bezeichnet, beansprucht damit auch eine aktive Rolle in der Entwicklung des Marktes. Dazu gehört die Nähe zu den relevanten Zielgruppen und die Bereitschaft, Trends und Entwicklungen sichtbar mitzugestalten.

Wie dieser Anspruch ohne Präsenz auf der wichtigsten internationalen Branchenveranstaltung eingelöst werden soll, bleibt zumindest erklärungsbedürftig. Das ist keine Frage eines einzelnen Messestandes. Es geht um die strategische Entscheidung, wo ein Unternehmen seinen Markt und seine Zielgruppen trifft.

Die Cersaie steht damit vor einem grundsätzlichen Problem. Sie kann ihre Attraktivität nur dann dauerhaft sichern, wenn Hersteller, Handel, Architekten und andere Marktteilnehmer einen konkreten Grund haben, nach Bologna zu kommen. Dafür reicht die Größe der Veranstaltung allein nicht aus.

Energie wird zum Standortfaktor

Die Diskussion findet allerdings in einem Marktumfeld statt, das für die Keramikhersteller schwieriger kaum sein könnte. Auf Corona folgte der Krieg in der Ukraine. Hinzu kommen die aktuellen Unsicherheiten rund um die internationalen Handels- und Transportwege, unter anderem durch die Situation an der Straße von Hormus.

Foto von der Pressekonferenz: Man achte auf die Gaspreiskurve links im Hintergrund!

Für die keramische Industrie haben solche Entwicklungen unmittelbare Folgen. Gaspreise auf den internationalen Märkten haben sich zeitweise vervielfacht. Für eine Industrie, deren Produktionsprozess auf energieintensives Brennen angewiesen ist, schlagen solche Veränderungen unmittelbar auf die Kosten durch.

Auch der Transport ist ein wesentlicher Faktor. Fliesen sind schwer, benötigen im Verhältnis zum Warenwert viel Volumen und werden für internationale Märkte über weite Strecken transportiert. Gerade im Überseegeschäft können veränderte Bedingungen auf den Seewegen deshalb erhebliche Auswirkungen auf die Kalkulation haben.

Emissionshandel verschärft den Kostendruck

Hinzu kommen die Kosten des europäischen Emissionshandels. Für die europäischen Hersteller entstehen dadurch zusätzliche Belastungen, die bei der Preisgestaltung internationaler Wettbewerber teilweise nicht in gleicher Weise anfallen. Gerade deshalb sehen italienische Hersteller Handlungsbedarf auf europäischer Ebene.

Auf ihrer Pressekonferenz in Bologna forderten Vertreter der italienischen Keramikindustrie, dass sich das Europäische Parlament intensiver mit den Auswirkungen des Emissionshandels auf die Branche beschäftigen müsse. Ihre Befürchtung: Wenn sich die Kosten weiter erhöhen, gerät die internationale Wettbewerbsfähigkeit europäischer Produktionsstandorte zusätzlich unter Druck.

Gleichzeitig wächst der Wettbewerb aus Asien. Vor allem chinesische und indische Hersteller treten mit aggressiven Preisen auf. Die europäischen Hersteller versuchen, sich gegen diesen Druck zu behaupten. Bei chinesischen Produkten spielt dabei auch die Frage eine Rolle, wie bestehende Einfuhrzölle in der Praxis umgangen werden können. Aus der Branche wird berichtet, dass Waren teilweise über Drittstaaten wie afrikanische Länder nach Europa gelangen.

Schwierige Stimmung hinter den Messeständen

In einem solchen Umfeld fällt es schwer, auf einer Messe unbeschwerte Aufbruchsstimmung zu verbreiten. Nach außen präsentieren sich Unternehmen verständlicherweise selbstbewusst. Wer mit Kunden, Partnern und Journalisten spricht, möchte nicht den Eindruck vermitteln, dass das eigene Geschäft unter Druck steht.

Wer genauer nachfragt, bekommt allerdings ein differenzierteres Bild. Bei manchen Herstellern ist die Situation deutlich angespannter, als es der Messestand zunächst vermuten lässt. Das wirkt sich auch auf die Stimmung in den Hallen aus.

Besonders problematisch wird es, wenn Unternehmen kaum noch ausreichende Gewinne erwirtschaften, um in neue Technologien und Produktionsanlagen zu investieren. Die Keramikindustrie ist auf moderne Fertigungstechnik angewiesen. Wer Investitionen über längere Zeit verschiebt, riskiert irgendwann einen technologischen Rückstand, der nur schwer wieder aufzuholen ist.

Es gibt auch Unternehmen mit Wachstum

Dabei zeigt die Branche durchaus, dass es unterschiedliche Wege durch die Krise gibt. Atlas Concorde etwa hat sein Produktionsvolumen nach eigenen Angaben zuletzt verdoppelt und zweistellige Umsatzzuwächse erzielt. Das Unternehmen gehört damit zu den Beispielen, die trotz schwieriger Rahmenbedingungen investieren und wachsen.

Solche Entwicklungen zeigen, dass die aktuelle Marktlage nicht für alle Hersteller dasselbe bedeutet. Während einige Unternehmen Kapazitäten zurückfahren oder sich aus Märkten und Messeauftritten zurückziehen, investieren andere weiter. Welche Strategie langfristig erfolgreich sein wird, hängt von zahlreichen Faktoren ab – vom Produktportfolio über die Kostenstruktur bis zur internationalen Marktposition.

Full House bei Atlas Concorde.

Für die Branche insgesamt spricht vieles für eine weitere Konsolidierung. Es dürfte künftig weniger Fliesenhersteller geben. Gleichzeitig steht auch der Handel unter Druck. Die wirtschaftlichen Probleme erreichen inzwischen die Kunden, und zahlreiche Meldungen aus dem deutschen Markt weisen auf Veränderungen bei Handelsunternehmen hin.

Handel spart sich den Weg nach Bologna

Für viele Händler stellt sich damit die Frage nach dem Aufwand eines Messebesuchs. Drei oder vier Tage Bologna kosten Zeit und Geld. Wenn die eigene wirtschaftliche Situation angespannt ist und gleichzeitig ein großer Teil der relevanten Lieferanten ohnehin über Hausmessen und Kundentermine erreichbar ist, wird die Entscheidung gegen eine Reise nach Italien leichter.

Das bekommt auch die Cersaie zu spüren. Weniger deutsche Händler bedeuten weniger Besucher aus einem für viele Hersteller wichtigen Absatzmarkt. Eine internationale Fachmesse lebt jedoch genau von dieser Mischung aus Ausstellern und Entscheidern.

Uns es gibt doch deutsche Händler in Bologna! Hier die Delegation der hagebau (v.r.n.l.) mit Andreas Wiemers, Bereichsleiter Holz, Fliese, Technischer Einkauf und Betriebsberatung Fachhandel der hagebau, im Fiedler, Leiter SPS Fliese Fachhandel bei der hagebau und Marc Dennis Nabenhauer, hagebau Abteilungsleiter Einkauf und Vertrieb Fliesen.

Damit stellt sich die Frage, welche Rolle die Cersaie künftig spielen soll. Sie kann weiterhin die zentrale internationale Plattform für die Branche sein. Dafür muss sie allerdings ihre Funktion als Treffpunkt der gesamten Branche verteidigen.

Digitalisierung bringt neue Designs – und mehr Gleichförmigkeit

Auch beim Blick auf die Produkte zeigt sich eine interessante Entwicklung. Neue Trends sind in Bologna zwar weiterhin zu finden, sie lassen sich allerdings schwerer eindeutig bestimmen als früher. Die Digitalisierung der Entwicklungs- und Produktionsprozesse hat die Geschwindigkeit erhöht, mit der erfolgreiche Designs kopiert und weiterentwickelt werden können.

Foto vom Stand des Herstellers Nuovocorso, der nach eigener Aussage das grösste herstellbare Slab der Welt mit 198×340 anbietet.

Das führt zu einer gewissen Gleichförmigkeit. Was ein Hersteller als Neuheit auf den Markt bringt, kann der Wettbewerb häufig in kurzer Zeit interpretieren und in ähnlicher Form anbieten. Differenzierung entsteht deshalb zunehmend über technische Entwicklungen.

Dazu gehören neue Glasur- und Oberflächeneffekte, besondere Haptiken oder Dekorationen, für deren Herstellung spezielle Maschinen und entsprechendes Know-how erforderlich sind. Die technische Entwicklung wird damit selbst zum Ausgangspunkt neuer Gestaltung.

Glasureffekt mit haptischer Oberfläche.

Zwischen Pastell und Großformat

In Bologna waren matte Glasuren, Pastelltöne und besondere Glasur-Effekte auffällig. Gerade bei den hochwertigen Kollektionen zeigte sich, welche gestalterischen Möglichkeiten keramische Oberflächen inzwischen bieten. Einen Eindruck davon vermittelt auch das Video „Impressionen von der Cersaie“ der 1200Grad-Redaktion, in dem wir einige der interessantesten Fliesen-Neuheiten aus Bologna zusammengestellt haben.

Daneben steht allerdings der große Massenmarkt. Dort dominieren weiterhin Großformate, Beige- und Naturtöne sowie dezente Natursteininterpretationen. Nach mehreren Messetagen fällt auf, wie groß die Menge ähnlicher Produkte inzwischen geworden ist.

Die Frage lautet deshalb nicht nur, welche Kollektionen technisch und gestalterisch möglich sind. Ebenso interessant ist, wie viele nahezu identische Produkte ein Markt tatsächlich aufnehmen kann. Gerade im mittleren Preissegment dürfte die Differenzierung für Hersteller und Handel damit schwieriger werden. Ohnehin ist der jährliche Messe-Rythmus der Cersaie in der Branche schon lange überholt: Bei einem so langlebigen Produkt wie der Fliesen zählt nicht eine jährliche Neuheiten-Flut, sondern der Service und die Zukunftsfähigkeit der Industrie.

Keramische Tapete: 2 mm Platten bei Laminam.

Die Cersaie muss sich neu behaupten

Wer die Cersaie 2026 besucht hat, nimmt deshalb widersprüchliche Eindrücke mit nach Hause. Die Messe ist weiterhin ein internationaler Treffpunkt. Gleichzeitig fehlen Unternehmen, die über Jahrzehnte zum festen Bild der Veranstaltung gehört haben. Freie Flächen und eine geringere deutsche Präsenz sind sichtbare Zeichen einer Branche, die sich verändert.

Die eigentliche Herausforderung liegt nicht in der Größe der Messe. Die Cersaie muss ihren Stellenwert als zentraler Treffpunkt der Branche behaupten, während Hersteller und Händler ihre Messebudgets zunehmend auf verschiedene Veranstaltungen und eigene Kundentermine verteilen.

Die italienische Keramikindustrie begegnet der schwierigen Situation mit Investitionen, neuen Technologien und politischen Forderungen. Ob das ausreicht, um die aktuellen Belastungen abzufedern, wird sich zeigen. Sicher ist nur: Die Branche wird sich verändern. Und die Cersaie wird diese Veränderung nicht nur beobachten, sondern selbst Teil davon sein.

Video-Impressionen von der Cersaie

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