Wie aus einer kleinen Fliesenmanufaktur ein Spezialist für Ersatzfliesen und nachhaltige Reparaturlösungen wurde
Was als künstlerisches Experiment begann, entwickelte sich über Jahrzehnte zu einer einzigartigen Erfolgsgeschichte innerhalb der Fliesenbranche. Die Geschichte der Fliesenhandel Schittek zeigt, wie aus Kreativität, Improvisation und einem Gespür für Marktlücken eines der größten Fliesenarchive Deutschlands entstanden ist – und warum Reparatur heute aktueller ist denn je.

Konrad Schittek 1978
Anfang der 1970er-Jahre hatte Konrad Schittek mit Fliesen noch nichts zu tun. Sein Leben spielte sich zwischen Malbrett, Druckgrafiken und Musik ab. Er arbeitete als freier Künstler, fertigte Zeichnungen, Kalender und Gemälde an und spielte in verschiedenen Bands. Die Arbeitstage waren lang, wirtschaftlich blieb der Spielraum jedoch begrenzt. Der Wunsch nach einem zusätzlichen Standbein führte ihn Ende der 1970er-Jahre schließlich auf ein neues Terrain: die Fliesenmalerei.
1978 begann Schittek, sich intensiv mit Farben, Glasuren, Brenntechnik und handwerklichen Verfahren auseinanderzusetzen. In einer alten Bäckerei in Hamburg-Altona richtete er Werkstatt und Wohnung ein, investierte in Brennöfen und produzierte eigene Fliesenserien mit Landschaften, Schiffsmotiven oder Kinderszenen. Unterstützung erhielt er bei größeren Aufträgen von Kunststudenten. Bereits kurze Zeit später entstanden erste Ausstellungen und Berichte in regionalen Medien.

Fliesenlager Francop
Eine zufällige Anfrage verändert alles
Den entscheidenden Wendepunkt brachte kein großer Geschäftsplan, sondern eine einzelne rote Fliesenscherbe. Ein Versicherungsmitarbeiter fragte bei Schittek an, ob er einige Fliesen für eine Badreparatur beschaffen könne. Was zunächst wie ein Einzelfall wirkte, entwickelte sich rasch zu einer neuen Nachfrage. Hinzu kam ein Bericht in einer Wohn- und Bauzeitschrift, der fälschlicherweise behauptete, bei Schittek könne jede alte Fliese reproduziert werden.
Die Aussage war zwar nicht korrekt – sie löste jedoch eine Welle an Anfragen aus. Handwerker, Versicherungen und Kunden suchten Ersatz für nicht mehr verfügbare Fliesenserien. Schnell zeigte sich, dass der Bedarf deutlich größer war als erwartet. Schittek erkannte die Chance und begann systematisch, alte Fliesenbestände aufzuspüren und einzukaufen.
Auf der Suche nach vergessenen Beständen
Die Wirtschaftswunderjahre hatten vielerorts enorme Lagerbestände hervorgebracht. Fliesen wurden palettenweise eingelagert, häufig weit über den tatsächlichen Bedarf hinaus. Mit veränderten Trends verloren viele Serien ihren Marktwert und verschwanden aus den Sortimenten. Für Schittek wurden genau diese Lager zu einer wichtigen Quelle.
Auf zahlreichen Reisen durch Deutschland besuchte er Händler, Verlegebetriebe und Familienunternehmen. Ohne Mobiltelefon, Navigation oder digitale Unterstützung entstanden dabei nicht nur Geschäftsbeziehungen, sondern auch ein tiefes Verständnis für Marktmechanismen. Trotz großer Vielfalt erkannte Schittek früh, dass bestimmte Produkte und Formate immer wieder nachgefragt wurden – Erkenntnisse, die später den Einkauf prägten.
Mit den Reisen sammelte sich zudem weit mehr als nur Fliesen an. Historische Produkte, Werkzeuge und Kuriositäten wanderten ebenfalls ins Lager und bildeten später die Grundlage für ein eigenes Museum.

Felix Konrad und Jan Schittek
Wachstum zwischen Improvisation und Expansion
Die Anfangsjahre waren geprägt von pragmatischen Lösungen. Pappkartons wurden gesammelt, eine Zigarrenkiste diente als Kasse, und im Büro stand zunächst eine Schreibmaschine. Erst Anfang der 1990er-Jahre hielt der erste Computer Einzug.
Mit wachsender Nachfrage stießen die bestehenden Räume jedoch schnell an ihre Grenzen. Die Lagerflächen in Hamburg wurden zu klein, später kamen zusätzliche Standorte hinzu. Erst im Alten Land, später in Hamburg-Harburg entstanden neue Hallen mit immer größeren Kapazitäten. Der Umzug entwickelte sich zu einer logistischen Großaufgabe.
2007 wurde die neue Betriebsstätte eingeweiht. Zu diesem Zeitpunkt arbeiteten bereits zwölf Beschäftigte im Unternehmen – darunter auch beide Söhne Jan und Felix Schittek.
Digitalisierung als nächster großer Schritt
2011 zog sich Konrad Schittek aus dem aktiven Geschäft zurück, wenige Jahre später übernahmen seine Söhne die Firma vollständig. Einer ihrer weitreichendsten Schritte war die umfassende Digitalisierung des Bestands. Was zunächst kritisch betrachtet wurde, erwies sich rückblickend als wichtige Entscheidung.
Tausende Musterfliesen wurden beidseitig gescannt und detailliert katalogisiert – inklusive Herstellungsland, Format, Kaliber, Farbnummer oder Oberflächenstruktur. Mittlerweile umfasst das Warenwirtschaftssystem rund 87.000 digital erfasste Fliesen. Eine eigene Abteilung kümmert sich ausschließlich um die Pflege des Archivs.
Heute lagern mehr als 10.000 Paletten im Bestand. Das Unternehmen gilt inzwischen als größtes Fliesenarchiv Deutschlands.
Nachhaltigkeit als Treiber einer wachsenden Nachfrage
Die Bedeutung von Ersatzfliesen hat sich in den vergangenen Jahren weiter verändert. Während früher häufig vollständige Sanierungen im Mittelpunkt standen, gewinnen Reparaturkonzepte zunehmend an Bedeutung. Hohe Baukosten, steigendes Nachhaltigkeitsbewusstsein und fehlende Fachkräfte verändern den Blick auf Bestandslösungen.
Mit wenigen passenden Fliesen lassen sich heute häufig komplette Bäder oder einzelne Bereiche erhalten. Das spart Material, reduziert Aufwand und vermeidet unnötigen Austausch. Gerade im Gebäudebestand eröffnet dieser Ansatz wirtschaftliche und ökologische Vorteile.
Gleichzeitig wächst auch die Herausforderung auf Unternehmensseite. Die Archivarbeit erfordert spezielles Wissen, neue Fachkräfte müssen intern aufgebaut werden und die Organisation wachsender Lagerbestände wird zunehmend komplex. Themen, die das Unternehmen künftig begleiten werden.
Was geblieben ist, ist die ursprüngliche Haltung: Reparieren statt ersetzen – lange bevor Nachhaltigkeit zum Branchenthema wurde.



Digitalisierung als nächster großer Schritt
Nachhaltigkeit als Treiber einer wachsenden Nachfrage

