Manche Nachrichten treffen eine Branche härter als andere. Die erneute Insolvenz der Panariagroup Deutschland und das drohende Ende der Fliesenproduktion in Leisnig gehören dazu. Es geht nicht um einen beliebigen Hersteller. Mit Steuler verschwindet ein Unternehmen, dessen Wurzeln mehr als 150 Jahre zurückreichen und das über Jahrzehnte den deutschen Fliesenmarkt mitgeprägt hat. Für viele Beschäftigte, Händler und Industriepartner endet damit eine Geschichte, von der lange niemand glaubte, dass sie einmal so ausgehen würde.
Die Hoffnung war groß
Als die Steuler Fliesengruppe im Juli 2023 Insolvenz in Eigenverwaltung beantragte, wurde der Schritt als Chance für einen Neuanfang dargestellt. Der Geschäftsbetrieb lief weiter, Kunden sollten keine Nachteile spüren und ein Investor wurde gesucht. Im Herbst desselben Jahres präsentierte man schließlich die Lösung: Die italienische Panariagroup übernimmt das Werk in Leisnig, den Vertrieb sowie die Marken Steuler Design, Grohn und Kerateam. Die Erleichterung in der Branche war spürbar. Nach Monaten der Unsicherheit schien die Zukunft gesichert.
Zum Jahreswechsel 2024 folgte die nächste Aufbruchsbotschaft. Die neue Panariagroup Deutschland sprach von einem starken Neustart. Das Sortiment sollte wachsen, die bekannten Marken sollten gestärkt werden, Deutschland sollte sich langfristig zum wichtigsten Markt der Gruppe entwickeln. Die Geschäftsführung formulierte ambitionierte Ziele und sprach sogar davon, sich langfristig als Marktführer etablieren zu wollen. Viele Handelspartner wollten daran glauben. Die Alternative wäre schließlich das endgültige Ende gewesen.
Die Zweifel verstummten nie
Schon damals gab es Stimmen aus Handel und Industrie, die deutlich vorsichtiger urteilten. Die Baukrise war keineswegs überwunden. Energiekosten blieben hoch, die Nachfrage brach weiter ein und viele Hersteller kämpften mit erheblichen Überkapazitäten. Trotzdem dominierten nach außen Optimismus und Durchhalteparolen. Wiederholt war zu hören, die größten Probleme seien überstanden und die Integration verlaufe planmäßig.
Heute lässt sich nüchtern feststellen: Diese Erwartungen haben sich nicht erfüllt. Der Markt erholte sich nicht. Die wirtschaftlichen Belastungen blieben bestehen. Aus dem angekündigten Neustart entwickelte sich innerhalb kurzer Zeit die nächste Restrukturierung.
Das nächste Insolvenzverfahren
Im Frühjahr 2026 stellte die Panariagroup Deutschland erneut einen Insolvenzantrag. Wieder wurde erklärt, der Geschäftsbetrieb laufe uneingeschränkt weiter, wieder sollte ein Investor gefunden werden. Kurz darauf folgte die Nachricht, die viele bereits befürchtet hatten: Die Produktion in Leisnig soll eingestellt werden. Damit verliert Deutschland eines seiner modernsten Fliesenwerke. Für die Beschäftigten begann erneut eine Phase voller Unsicherheit.
Rückblickend wirkt die Entwicklung bitter. Innerhalb von weniger als drei Jahren wandelte sich die Geschichte vom Hoffnungsträger zum nächsten Sanierungsfall. Niemand kann behaupten, die Verantwortlichen hätten den Ausgang vorhersehen können. Ebenso wenig lässt sich übersehen, dass viele der damaligen Versprechen und Zukunftsprognosen der Realität nicht standgehalten haben.
Steuler ist kein Einzelfall
Wer die Geschichte der deutschen Fliesenindustrie betrachtet, erkennt ein Muster. Seit mehr als zwei Jahrzehnten verschwinden traditionsreiche Hersteller vom Markt oder verlieren ihre Selbstständigkeit.
Korzilius existiert nur noch als Erinnerung. Staloton verschwand ebenfalls aus dem Markt. Osmose musste Insolvenz anmelden. Klingenberg Dekoramik verschwand. Boizenburg geriet in die Insolvenz. Die Norddeutsche Steingut verlor ihre Eigenständigkeit. Die Deutsche Steinzeug musste ebenfalls den Gang zum Insolvenzgericht antreten. Von der Villeroy & Boch Fliesenproduktion in Deutschland ist auch nichts übriggeblieben. Nun steht mit Steuler der nächste große Name vor dem endgültigen Aus.
Jeder dieser Fälle hatte seine eigenen Ursachen. Mal waren es Fehlentscheidungen, mal Überkapazitäten, mal Energiepreise oder der Einbruch der Baukonjunktur. Das Ergebnis bleibt immer dasselbe: Die Zahl eigenständiger deutscher Fliesenhersteller wird von Jahr zu Jahr kleiner.

Historischer Blick in eine ehemalige Wandplattenfabrik in Mühlacker. Foto: Steuler
Ein leiser Abschied
Steuler war über viele Jahrzehnte eine feste Größe im deutschen Fliesenmarkt. Das Unternehmen überstand Konjunkturkrisen, Eigentümerwechsel und tiefgreifende Marktveränderungen. Am Ende reichten selbst ein internationaler Konzern im Rücken und große Zukunftspläne nicht aus, um die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auszugleichen.
Es geht nicht allein um Marken oder Marktanteile. Es geht um Menschen, um Erfahrung, um industrielle Kompetenz und um Traditionen, die über Generationen gewachsen sind. Mit Steuler verliert die Branche erneut ein Stück ihrer Identität. Der Ausverkauf der deutschen Fliesenproduktion geht weiter – und ein Ende ist derzeit nicht zu erkennen.
Meine Erinnerungen
Meine persönlichen Erinnerungen an Steuler sind geprägt von zahlreichen Gesprächen und Messestand-Besuchen, als noch mit Georg Steuler ein Familienmitglied die Geschäftsführung inne hatte. Die Steuler Innovationen galten zu dieser Zeit als eine Art Benchmark für gutes Design, Wagemut, Trendsetting. Georg Steuler verkaufte das mit Herzblut, Begeisterung und Sachverstand. Es scheint ewig her …





