Die europäische Keramikbranche sieht sich mit einer neuen Herausforderung konfrontiert. Nach Einschätzung von Branchenvertretern verlagern chinesische Unternehmen ihre Produktion zunehmend in afrikanische Staaten, um bestehende Antidumpingmaßnahmen der Europäischen Union zu umgehen. Beim Forum der europäischen Keramikindustrie in Milano Marittima standen die Auswirkungen auf Wettbewerb, Energiepolitik und Klimaregulierung im Mittelpunkt.
Die europäische Keramikindustrie beobachtet mit wachsender Aufmerksamkeit eine Verlagerung chinesischer Produktionskapazitäten in Länder außerhalb der von EU-Zöllen betroffenen Regionen. Nach Angaben der europäischen Hersteller gelangen inzwischen verstärkt keramische Produkte aus Ghana auf den europäischen Markt, obwohl die Eigentümerstrukturen und die wirtschaftliche Kontrolle vielfach weiterhin in chinesischer Hand liegen.
Das Thema wurde bei einem Treffen der europäischen Keramikverbände in Milano Marittima diskutiert. Dort standen nicht nur Energiefragen, sondern vor allem die langfristige Wettbewerbsfähigkeit der Branche auf der Agenda. Aus Sicht der Hersteller geht es dabei längst nicht mehr ausschließlich um Handelspolitik, sondern um die Zukunft des Industriestandorts Europa.
Produktionsverlagerungen als Reaktion auf Antidumpingzölle
Die EU hatte bereits 2011 Antidumpingzölle auf chinesische Keramikprodukte eingeführt. Die zusätzlichen Abgaben zwischen 30 und 180 Prozent hatten den direkten Import aus China deutlich gebremst. Nach Auffassung der europäischen Industrie reagiert Peking darauf nun mit alternativen Produktionsstandorten.
Branchenvertreter berichten, dass chinesische Unternehmen gezielt in Staaten investieren, die nicht von den EU-Zöllen betroffen sind. Die Werke werden dort errichtet, während Technologie, Kapital und Vermarktung weiterhin aus China gesteuert werden. Dadurch könnten die Produkte zu wettbewerbsfähigen Preisen nach Europa exportiert werden.
Weitere Regionen rücken in den Fokus
Neben afrikanischen Ländern beobachten die europäischen Hersteller auch Entwicklungen im Nahen Osten sowie in Indien und Pakistan. Dort entstehen ebenfalls neue Kapazitäten, die künftig verstärkt auf den europäischen Markt ausgerichtet werden könnten.
Die europäische Keramikindustrie fordert deshalb eine Prüfung möglicher weiterer Antidumpingmaßnahmen. Nach Einschätzung von Branchenvertretern betrifft das Thema nicht nur einzelne Unternehmen, sondern die gesamte industrielle Wertschöpfung in Europa.
Besonders die italienischen und spanischen Hersteller, aber auch Produzenten aus Deutschland, Polen, Portugal und der Ukraine sehen Handlungsbedarf. Sie verweisen darauf, dass die europäischen Unternehmen bereits mit hohen Energie- und Umweltkosten konfrontiert sind.
Kritik an den Klimakosten
Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion in Milano Marittima war das europäische Emissionshandelssystem ETS. Vertreter der Branche betonen, dass die Keramikproduktion aufgrund der erforderlichen hohen Brenntemperaturen nur begrenzt dekarbonisiert werden könne.
Die steigenden Kosten für CO₂-Zertifikate würden den Wettbewerbsdruck zusätzlich verschärfen. Aus Sicht der Industrie bestehe die Gefahr, dass Produktion und Investitionen in Regionen mit weniger strengen Umweltauflagen abwandern. Dadurch würden die globalen Klimaziele nicht erreicht, sondern lediglich Emissionen verlagert.
Mehrere Branchenvertreter fordern deshalb eine Überarbeitung des ETS-Systems. Ziel müsse es sein, Klimaschutz und industrielle Wettbewerbsfähigkeit stärker miteinander in Einklang zu bringen.
Quelle: Artikel von Alessandro Cicognani in der italienischen Wirtschaftszeitung Il Sole 24 Ore (Ausgabe vom 5. August 2025), basierend auf den Diskussionen beim Forum der europäischen Keramikindustrie in Milano Marittima.





