Zwei Keramik-Familien wachsen zusammen

Mit der Geschäftsführung Panariagroup Deutschland zu Gast bei Gres Panaria Portugal

Seit Anfang des Jahres ist Steuler Teil der italienischen Panariagroup. (wir berichteten hier: https://www.1200grad.com/aktivitaeten-der-ehemaligen-steuler-fliesengruppe). Vertrieb, Verwaltung und Produktion müssen dafür angepasst und synchronisiert werden. Wir waren mit der Geschäftsführung der Panariagroup Deutschland zu Besuch in Portugal, um zu sehen, wie eine solche Firmenintegration in der Praxis aussieht.

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Video-Interview mit Peter Wilson und Jürgen Wörsdörfer, Panariagroup Deutschland:

Fast zehn Personen sitzen dicht gedrängt in dem kleinen Besprechungsraum und diskutieren eifrig an ihren Computern. Unter ihnen befinden sich Peter Wilson, Geschäftsführer der Panariagroup Deutschland, Generalbevollmächtigter Jürgen Wörsdörfer sowie Tomas Deinböck – Head of Design Panariagroup Deutschland. Auch die Werksleiter und Produktentwickler von Margres sind am Tisch vertreten.

Der portugiesische Fliesenhersteller in Ilhavo, südlich von Porto gelegen, gehört schon seit geraumer Zeit zur italienischen Panariagroup und ist den deutschen Gästen bestens bekannt. Denn die ehemaligen Steuler-Manager haben bereits seit rund 10 Jahren diverse Produkte für ihr Sortiment aus Portugal und Italien dazu gekauft. Mit der Marke Love Tiles und dem Werk in Aveiro sowie der Marke Gresart mit dem Werk in Oliveira do Bairro besitzen die Italiener weitere Standbeine in Portugal.

Man kennt und schätzt sich. Die Atmosphäre ist freundschaftlich. Aber auch hochkonzentriert. Denn nun geht es darum, ehemalige Steuler-Produkte, die beispielsweise im geschlossenen Werk Mühlacker produziert wurden, in Süd-Europa vom Band rollen zu lassen. Ende März wird darüber hinaus der Produktionsstandort in Bremerhaven wegfallen. Auch dieses Produktionsvolumen muss gleichwertig über andere Werke der Panariagroup ersetzt werden.

Die Führungsriege von Panaria Deutschalnd beim Werkbesuch von Magres. Rechts Tomas Deinböck – Head of Design Panariagroup Deutschland.
Ein Teil der Führungsriege der Panariagroup Deutschland beim Werkbesuch von Margres. Rechts Tomas Deinböck – Head of Design Panariagroup Deutschland.

Neue Perspektiven bei der Produktentwicklung

Zudem werden im kleinen Besprechungsraum neue Produkte entworfen und diskutiert. Der Blick ist nach vorn gerichtet. Durch die neue/alte Zusammenarbeit ergeben sich für Wilson und sein Team ganz neue Perspektiven bei der Produktentwicklung. Ob durch neue Produktionsmethoden wie Polieranlagen, die Steuler zuvor nicht im Portfolio hatte, oder durch die Anregungen der Entwickler innerhalb der gesamten Panariagroup, sind völlig neue Konzeptansätze möglich.

Darüber hinaus müssen Vertriebsfragen geklärt, Marketingstrategien besprochen und Messeauftritte geplant werden. Es ist wichtig zu klären, wer welche Aufgaben übernimmt und wo die besten Kompetenzen und Kapazitäten liegen. Detailarbeit, die sich auf lange Sicht bezahlt machen wird, wenn die Übergangsphase erst einmal abgeschlossen ist.

Aus der aktuellen Kollektion: Steuler Serie Holmen. Foto: Panaria
Aus der aktuellen Kollektion: Steuler Serie Holmen. Foto: Panariagroup Deutschland

Die bekannten Marken Steuler Design, Grohn, NordCeram und Kerateam werden – wie berichtet – beibehalten. Die bereits im Markt eingeführten Serien der Marken werden auch zukünftig ausschließlich über die Panariagroup Deutschland vertrieben. Die Unternehmensübernahme umfasst alle Marken und Designs, sowie Produkte inklusive deren Lagerbestände, unabhängig davon, auf welchen Anlagen diese zukünftig produziert werden.

Die Mentalitätsfrage

Und dann ist da noch die Mentalität. Wenn Portugiesen, Deutsche und vielleicht auch noch Italiener an einem Tisch sitzen, müssen unterschiedliche Arbeitsweisen und Sichtweisen aufeinander abgestimmt werden. Dafür wurde die Geschäftsführung der Panariagroup Deutschland gezielt erweitert. Andrea Zanni, gebürtiger Italiener mit langjähriger Portugal-Erfahrung, ergänzt seit Anfang 2024 als dritter Geschäftsführer die Geschäftsführung und ist somit ein wichtiger Moderator zwischen Nord- und Süd-Europa.

Die Mentalität scheint allerdings die geringste Hürde zu sein. Allen Beteiligten ist der Wille, sich gegenseitig zu helfen und einen erfolgreichen Neustart für die Panariagroup Deutschland zu realisieren, gemeinsam. Sowohl Steuler als auch Panaria sind familiengeführte Unternehmen, in denen eine ganz andere Atmosphäre herrscht als in Großkonzernen.

Auch Stefan Grimmeisen, Head of Marketing Panariagroup Deutschland, war nach Portugal gereist, um sich vor Ort über die Fortschritte zu informieren. Hier im Gespräch mit Patricia Cardoso von der Werksleitung Live Tiles in Aveiro.
Auch Stefan Grimmeisen, Head of Marketing Panariagroup Deutschland, war nach Portugal gereist, um sich vor Ort über die Fortschritte zu informieren. Hier im Gespräch mit Patricia Cardoso, Keramikingenieurin bei Love Tiles in Aveiro.

Teil der Panaria-Familie

„Wir sind jetzt Teil der Panaria-Familie. Hier herrscht eine ähnliche Kultur wie bei Steuler. Die Eigentümer und das Management sind immer greifbar. Das beeindruckt uns in vielerlei Hinsicht,“ so Peter Wilson im Gespräch mit 1200Grad in Portugal. „Die Dimensionen sind allerdings anders als bei Steuler.“ Positiv hebt Wilson hervor, dass man in wenigen Wochen sehr viele herzliche Menschen kennengelernt habe, „ die uns helfen wollen und sich sehr viel Zeit für uns nehmen“. Was Wilson aber am meisten beeindruckt, ist, dass man bei der Panariagroup auch bereit ist, Risiken einzugehen. „Da waren wir bei Steuler vielleicht manchmal etwas zu vorsichtig.“

Bei aller Wertschätzung für die neue portugiesische Mutter sind Wilson und Wörsdörfer aber auch davon überzeugt, dass die Panariagroup ihrerseits von Steuler profitieren kann. In Form von funktionierenden Produkten, einem flächendeckenden Außendienst mit kompetenten Mitarbeitern sowie etablierten Marken, die fest im deutschen Markt verankert sind.

Stefan Grimmeisen mit der Werksleitung Live Tiles in Aveiro.
Stefan Grimmeisen mit der Werksleitung Love Tiles in Aveiro.

Lob für neue Kolleginnen und Kollegen

Jürgen Wörsdörfer ist ebenfalls voll des Lobes für seine neuen Kolleginnen und Kollegen und freut sich auf die neuen Produkte. „Durch die Produktkompetenz der Panariagroup können wir unseren Kunden künftig noch umfassendere Sortimente auf dem neuesten Stand der Technik anbieten“, schwärmt er. Neben den Produktionsstätten in Portugal verfügt die Panariagroup über moderne Werke in Italien und den USA. Wilson und Wörsdörfer waren auch schon in Italien und haben sich vor Ort umgesehen und ausgetauscht. „Manchmal muss man sich fast ein bisschen bremsen in seiner Begeisterung über die Möglichkeiten, die wir jetzt haben“, gesteht Wörsdörfer.

Wachstum hat sich die Panariagroup Deutschland jedenfalls dick auf die Fahnen geschrieben – trotz der insgesamt immer noch sehr angespannten Marktsituation. Es wird wieder investiert, sogar das Wort Marktführerschaft wird in den Mund genommen. „Wir müssen jetzt genau überlegen, was Sinn macht. Aber wir haben die Möglichkeiten, viele neue Ideen umzusetzen“, sagt Wilson.

Peter Wilson (r.) und Jürgen Wörsdörfer (mitte) im Gespräch mit 1200Grad.
Peter Wilson (r.) und Jürgen Wörsdörfer (mitte) im Gespräch mit 1200Grad.

Vertrauen im Markt zurückgewinnen

Doch der Handel hat noch mehr Fragen. Wie sieht die Strategie aus? Bleibt es beim selektiven Vertrieb? Was wird aus dem altbekannten Außendienst? Wie sehen die Lieferzeiten aus? Welche Produkte kommen?

Antworten versuchen Wörsdörfer und sein Team im täglichen Gespräch mit den Kunden vor Ort zu geben. Dabei setzt Wörsdörfer ganz auf seinen etablierten und bewährten Außendienst. Menschen und Kontakte im Markt seien enorm wichtig, so Wörsdörfer: „Man muss den Draht zum Kunden haben. Ich bin sehr optimistisch, dass wir eventuell verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen können“, so Wörsdörfer. Bei den Lieferzeiten sei man noch flexibler geworden. Bei den ständig laufenden Kampagnen ist man nun in der Lage, mit allen Entwicklungen Schritt zu halten.

Und noch eine positive Nachricht haben Wörsdörfer und Wilson im Gespräch mit 1200Grad: Auf der kommenden BAU 2025 will die Panariagroup Deutschland mit einem großen Messestand auf sich aufmerksam machen und ein deutliches Zeichen setzen. „Die Cersaie kommt für uns noch etwas zu früh, aber für den deutschen Markt wollen wir uns klar positionieren“, so Wilson.

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