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Wir sind keine Romantiker!

Interview mit den Gründern und Geschäftsführern von Karak

Fliesen sind viele Tausende Jahre alt und waren lange Zeit ausschließlich handgefertigt. Auch im Zeitalter der Industrialisierung und der Massenproduktion sind noch viele manuelle Tätigkeiten notwendig, bis (auch in der Industrie) eine Fliese fertig und eingepackt ist. Es gibt allerdings in Österreich einige Manufakturen, die sich den Großserien verweigern und lieber in Nischen produzieren.

Einer von diesen Betrieben ist in Bludenz, Vorarlberg beheimatet – die Fliesenproduktion Karak. Hier werden Fliesen mittels einer Tonpresse hergestellt, in begrenzter Auflage mit Siebdruck bedruckt und im Rakubrand gebrannt. Der Betrieb besteht mittlerweile aus neun Personen: aus den zwei Geschäftsführern Sebastian Rauch und Thomas Rösler, Anne Hofmann im Büro und sechs Mitarbeitern in der Produktion. Die Mutter von Sebastian Rauch, Marta Rauch-Debevec, ist Keramikerin und die Ehefrau des Lehmbauspezialisten Martin Rauch, sie hat das Unternehmen von Anfang an mitentwickelt und ist heute bereits im Ruhestand.

Gerade noch bevor die Coronakrise ausbrach und damit Teile von Vorarlberg unter Quarantäne gestellt wurden, sprach Peter Reischer mit den beiden Gründern und Geschäftsführern von Karak.

Herr Rauch, Herr Rösler, was bedeutet das Palindrom Karak? Welche Intention steckt dahinter?

Der Grundgedanke ist, dass das Wort selbst ein Ornament bildet. Es hat auch einen Rhythmus, man kann es aneinanderreihen – karakarakarakarakarak …. Entstanden ist es aus einer Art Brainstorming zum Thema Keramik, Raku, Charakter, eigentlich war es eine Wortmalerei.

Sehen Sie auch die starke geistige und auch materielle Verbindung zur Leidenschaft ihres Vaters, der ja als Lehmbauspezialist bekannt ist?

…in der Oberfläche jeder Fliese kann man die Struktur der Erde erfühlen und sehen.

Die Art wie man die Rohfliese produziert, hat mein Vater (mit)entwickelt. Nach seinem Studium, bevor er wusste, dass er einmal vom Lehm leben kann, hat er eine alte Presse von der Firma Hilti günstig erworben und damit angefangen, aus Erde Fliesen zu pressen. Der Vorgang ist mehr oder weniger bis heute gleich geblieben und in der Oberfläche jeder Fliese kann man die Struktur der Erde erfühlen und sehen.

Wie war Ihr Weg zur keramischen Liebe?

Ich bin zwar hier in der Keramikwerkstatt meiner Mutter aufgewachsen, aber für mich war die Keramik lange Zeit völlig uninteressant, ich habe mich viel mehr für den Computer interessiert und mich entschieden, eine Druckvorstufentechnikerlehre zu machen, Grafikdesign zu studieren, ich war mehr im Digitalen zu Hause. Über diese Muster bin ich dann eigentlich wieder zurück zur Materialität gekommen. Gemeinsam mit Thomas Rösler bin ich dann zur Fliese gekommen.

Foto: Daniel Wagner

Das Material hat Sie entdeckt und Sie das Material?

Ja, das kann man so sagen, keiner von uns hatte geplant, Keramiker zu werden. Vom Gewerberecht her sind wir keine vollen Keramiker, sondern wir haben eine Sondergenehmigung für die Art von Fliesen, die wir produzieren. Klassische Keramikprodukte dürfen wir nicht erzeugen. Aber wir dürfen jetzt einen Lehrling ausbilden, wir werden also den ersten Keramikerlehrling seit Langem in Vorarlberg haben.

Gibt es Synergien zur Arbeit Ihres Vaters?

Lange Zeit war es eher ein Projekt, keine Firma. Wir haben immer nur für spezifische Projekte etwas erzeugt. Das wäre nie möglich gewesen, wenn es die Werkstatt meiner Eltern nicht gegeben hätte, hier war die Infrastruktur vorhanden. Darauf haben wir schon aufbauen können.

In unserer Gesellschaft unterliegen wir einem Effektivitätswahn: immer mehr, schneller, größer etc. zu immer billigeren Preisen.

Wie erklären Sie das geistige Fundament für ihre Arbeiten?

In unserer Gesellschaft unterliegen wir einem Effektivitätswahn: immer mehr, schneller, größer etc. zu immer billigeren Preisen. Und möglichst uniform. Ein Prinzip unserer Produktion ist: Wie viel Kontrolle baucht es, um ein gutes Ergebnis zu garantieren? Wie viel Offenheit oder Chaos lässt man zu, um den Prozess zu befruchten? Wie viel Ordnung braucht es, damit Chaos sein kann. Das ist eigentlich eine Frage, die wir uns von Anfang an gestellt haben.

Der Siebdruck, mit den Sie Ihre Muster auf die Fliesen aufbringen, beinhaltet große Variabilität und Unsicherheit im Gegensatz zum Perfekten der Industrieproduktion. Ist das Absicht?

Ja! Wir haben die Ornamentik und Muster, die wir exakt und perfekt, digital am Computer generieren. Dann beginnt eine Reihe von analogen Prozessen, die Leben in das Produkt bringen. Es beginnt bei der Grundfliese, die schon eine Struktur hat. Dann kommt die Glasur, die mit der Oberfläche spielt und reagiert, bei jedem Stück anders. Der Höhepunkt kommt dann beim Rakubrand, der als die unkontrollierbarste Brennmethode gilt.

Brennen Sie die Fliese vor der Glasur roh?

Ja, mit 1.000 Grad, dann kommt die Glasur, die wird mit 840 – 940 Grad gebrannt. Wir benutzen dazu Biostrom aus Speicherkraftwerken.

Foto: Karak / Hanno Makowitz

Bei Raku und Siebdruck muss man viel Zeit und viele Handgriffe aufwenden. Das muss sich auch finanziell widerspiegeln. Wo liegen ihre Preise?

Das ist ganz unterschiedlich, es kommt auf das Format und die Technik an; sie bewegen sich zwischen 500 und 1.500 Euro pro Quadratmeter.

Das sind keine herkömmlichen Fliesenpreise, aber die Menschen wissen, dass sie gerechtfertigt sind.

Schätzen das ihre Kunden auch?

Ja, definitiv. Das sind keine herkömmlichen Fliesenpreise, aber die Menschen wissen, dass sie gerechtfertigt sind.

Ist Nachhaltigkeit für Sie ein Muss?

Nachhaltigkeit soll nicht nur aus der Effizienz betrachtet werden (wie kann man Energie und Material sparen). Unser Ansatz ist eben, Dinge zu schaffen, die überdauern. Das erkennen Menschen auch in 50 Jahren und dann spielt der Preis nur mehr eine untergeordnete Rolle.

Es ist uns wichtig nicht für jede Messe ein „neues“ Produkt auf den Markt zu bringen, diesen Zyklen verweigern wir uns. Denn wenn wir sagen, dass wir schöne und „zeitlose“ Dinge gestalten, müssen wir nicht diesem Innovationsdruck folgen. Es ist schließlich viel nachhaltiger, nicht ständig neue Innovationen zu bringen. Wir wollen zum Beispiel weniger neue Verbundstoffe für den Bau und dafür mehr Menschen, die dann damit arbeiten können. Wir spüren ein Bedürfnis der Menschen, nach weniger, aber dafür echten Dingen. Die Stiegenhäuser der Brüder Schwadron gibt es schließlich heute noch – das ist Nachhaltigkeit.

Es ist uns wichtig nicht für jede Messe ein „neues“ Produkt auf den Markt zu bringen, diesen Zyklen verweigern wir uns.

Ihre Fliesen entsprechen ja auch ganz besonders dem menschlich Individuellen und weniger einem Industrieprodukt.

Ja, sie sind auch nicht nach Marketingüberlegungen entworfen, sondern aus einer anderen Intention entstanden. Das Schaffen des Menschen ist mehr als nur eine Arbeit, die eine Maschine nicht machen kann. Nach solchen Produkten besteht eine Sehnsucht bei den Menschen.

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