VDF Mitgliedersammlung: Handwerk macht Sorgen

Mitte März fand in Berlin wieder die Mitgliederversammlung des Verband Deutscher Fliesengroßhändler (VDF) statt. Wir haben bereits in der letzten Woche kurz darüber berichtet. An der hochkarätig besetzten Veranstaltung nahmen nicht nur die Geschäftsführer bzw. Inhaber der wichtigsten deutschen Fliesengroßhändler statt, sondern auch die Vertreter der deutschen, spanischen und italienischen Fliesenindustrie. Ein ebenso abwechslungsreiches wie unterhaltsame Programm mit interessanten Referenten sorgte an beiden Veranstaltungstagen für spannende Beiträge und Diskussionen. Ein Schwerpunkt drehte sich in Berlin um die fortschreitende Digitalisierung der Branche.

Auf der diesjährigen VDF-Tagung gab es eine Reihe interessanter Vorträge.

Die Tagung startete mit den Regularien sowie einem Vortrag von André Schwarz, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des BGA, zum Thema Digitalisierung im Deutschen Großhandel. Er macht deutlich, dass alle erfolgreichen Unternehmen im Bereich Digitalisierung den Markt kritisch hinterfragen und revolutionieren wollen. In Zukunft würden deshalb auch etablierte Geschäftsmodelle infrage gestellt. Das beweist auch eine Studie des BGA. Insgesamt 94 % der teilnehmenden Unternehmen sagen demnach, dass “die Digitalisierung den Wandel im Großhandel entscheidend voran treibt.“ Entscheidend sei aber auch, so Schwarz weiter, dass der Preis die größte Bedrohung der digitalen Plattformen ist und dass die digitale Kundenbindung die zentrale Initiative zur Digitalisierung sein sollte.

Stefan Heinzl vom Key Account Management Retail Home & Linving der GFK Konsumforschung erläuterte in seinem Vortrag die Möglichkeiten, anhand der Marktforschung und Marktzahlen seines Unternehmens zukünftige Märkte entsprechend analysieren zu können und die richtigen Entscheidung daraus abzuleiten. Möglich sei es auch auf Wunsch die Zahlen des bereits vorhandenen Baustoffhandel Panells auf den Fliesengroßhandel zu erweitern.

Schon traditionell stellte im Anschluss dann Carlo Cit von der Hansa Unternehmensbratung seine Zahlen des deutschen Fliesenmarktes vor (siehe getrennter Bericht hier). Sein Fazit: Der Markt wuchs erfreulich auf insgesamt 130,5 Mio. qm. Cit: „Die Gewinner 2016 waren die Produzenten aus Italien, Spanien und der Türkei. Die Mitglieder des BKF haben von dem Wachstum der letzten Jahre nicht profitiert. Sehr schade, denn die deutsche Fliesenindustrie benötigt dringend Impulse, um am Wachstum teilzunehmen.“ Auffallend sei auch der wachsende Zukauf der deutschen Werke im Ausland.

Ohne Generalisten würde der Markt stagnieren

Cit zur Zukunft: „Mit dem vorgenannten Volumen erreichen wir eine Kapazitätsgrenze, die in den nächsten zwei Jahren kaum überschritten werden kann. Der Grund ist, es fehlen uns die Fachkräfte am Bau, um das „Mehr“ an Aufträgen abzuarbeiten. Wenn wir seit Jahren nicht die so genannten Generalisten hätten, die ein erhebliches Volumen an Boden- und Wandfliesen verarbeiten, hätte der Fliesenabsatz im deutschen Markt stagniert und ein Zuwachs von ca. 30 Millionen Quadratmeter, der von 2009 – 2017 zu verzeichnen ist, wäre nicht möglich gewesen.

David Portalés Mañanós

Auf große Aufmerksamkeit stieß der Vortag von David Portalés Mañanós von der Spanischen Wirtschafts- und Handelsabteilung, Spanisches Generalkonsulat, Düsseldorf. Er hatte stellvertretend für die Repräsentanten des spanischen Herstellerverbandes ASCER, die aufgrund eines Streiks leider nicht zur VDF-Tagung nach Berlin kommen konnten, ein Referat zum Thema PIM-Technologie übernommen. PIM (Product Information Management) ist eine Initiative des spanischen Handelsverbandes ANDIMAC zur Digitalisierung des Datenaustausches zwischen Handel und Industrie. Es verbindet Lieferanten-Daten direkt mit dem Handel und ist in Spanien schon relativ weit umgesetzt. Bereits über 1000 Verkaufsstellen sind dem System angeschlossen. Auch Produkte aus dem Bereich Fliesentechnik können implementiert werden. Die Zuhörer in Berlin zeigten sich positiv überrascht von den Anfangserfolgen des PIM-Systems. Portalés machte dem VDF deshalb ein Angebot, das System bei Interesse ebenfalls testen zu können (wir werden über PIM später noch ausführlich berichten).

Es folgte ein Vortrag von Michael Wester, Vorsitzenden des Bundesverbandes Keramische Fliesen e.V. Auch er machte auf die Problematik der rückläufigen Handwerkerzahlen aufmerksam. Er erläuterte weiter, dass man für ein zukünftiges Marktwachstum auch den Wettbewerb zu anderen Wand- und Bodenmaterialien im Auge haben müsste.

Deutsche Hersteller haben bewußt auf Marktsegmente verzichtet

Angesprochen auf die Rückgänge der deutschen Hersteller in den letzten 10 Jahren sagte Wester: „Wir haben ganz bewußt auf bestimmte Segmenten im Markt verzichtet, weil wir diese Produktbereiche nicht bedienen konnten oder wollten.“

Vittorio Borelli

Auch die Repräsentanten des italienischen Herstellerverbandes Confindustria Ceramica gingen in ihren Vorträgen auf die Wettbewerbssituation zu alternativen Materialien ein. Nachdem Vittorio Borelli, Präsident des Verbandes, einen Überblick über die Marktzahlen der italienischen Fliesenindustrie geliefert hatte, betonte auch Graziano Sezzi vom Verband, dass man Parket, Laminat und Co. stärker Wettbewerb machen sollte.

Von der eher pragmatischen und praktischen Seite beleuchtete anschließend Prof. Dr. Bernecker, Geschäftsführer des Deutschen Instituts für Marketing, das Thema Digitalisierung. Mit vielen Beispielen aus dem Alltag verdeutlichte er den Tagungsteilnehmern, wo Fehler und Chancen liegen. Anhand von 12 Tipps zur Digitalisierung gab er praktischen Beispiele, wo und wie sich die Unternehmen diesbezüglich verbessern können.

, Geschäftsführer der wedi GmbH, und wedi Vertriebsleiter Thomas Seifert, gaben am Ende des ersten Veranstaltungstages den Teilnehmern dann noch einmal einen umfassenden Einblick in die Gestaltungsmöglichkeiten des wedi Systems. Dabei ging es nicht nur um die Produkte, sondern auch um die richtigen Präsentationsmöglichkeiten beim Handel.

Auslandzukäufe der Industrie stehen in der Kritik

Tag zwei eröffnete Peter Wilson, Geschäftsführer der Steuler Fliesen GmbH. Er gab den Zuhörern zunächst einen Einblick in die neue Vertriebsstruktur seines Unternehmens und erläuterte die Entwicklungen der Steuler-Fliesengruppe in den letzten Jahren. Bei seiner Marktbetrachtung stellt sich heraus, dass der Anteil klassischer Steingut und Steinzeugfliesen, vor allem im Wandsegment, zurück geht. Dafür gewinnen Feinsteinzeug-Produkte in großen Formaten weiter an Bedeutung.

Kritische Worte musste sich Wilson aus den Reihen der Händler anhören, weil die Steuler Gruppe ebenso wie andere deutsche Hersteller zunehmend Produkte aus dem Ausland zur eigenen Produktion dazukauft. Nach Ansicht der VDF Mitglieder übernimmt die Industrie damit einen klassische Handelsfunktion. Dazu Wilson: „Die Steuler-Gruppe kauft Feinsteinzeug vornehmlich in Formaten ein, die wir Kapazitätstechnisch nicht selber abdecken.“

Mit gewohnt viel Engagement für das Produkt Fliese trug Werner Altmayer von altmayermarketing seine Statement zur „Fliesenbranche 2025“ vor. Er erinnert dabei eingangs noch einmal an das gemeinsame Konzept von VDF und EUF zum Thema Ausstellung 2020, das in Teilen bereits heute Wirklichkeit ist. Anschließend berichtete Altmayer aus einer Azubi-Befragung im Bereich der Fliesenleger, aus der sich eine Mange interessanter Schlüsse für das Berufsbild und das Handwerk insgesamt ziehen ließen.

Mit einem ganz anderen Thema beschäftigte sich auf der VDF-Tagung der CDU-Bundestagsabgeordnete Klaus-Peter Willsch. Bundesweite Aufmerksamkeit brachte Willsch sein abweichendes Abstimmungsverhalten in Fragen der Euro-Rettungspolitik. Er lehnte als einer von fünf Koalitionsabgeordneten das erste Griechenlandpaket sowie den temporären Euro-Rettungsschirm EFSF ab. Willsch gab interessante Einblicke in die politische Tagesarbeit in Berlin und in die derzeitige wirtschaftlichen Gesamtsituation in Europa.

Andreas Wilbrand

Über den Markteinfluss der sogenannten „White Van Men“, zu denen im Anschluß Sopro Geschäftsführer Andreas Wilbrand referierte, haben wir an anderer Stelle in unserem Magazin bereits mehrfach ausführlich berichtet. Auch in Wilbrands Vortrag ließ sich die Erkenntnisse vieler Vorredner wiederfinden: Der Markt auf Handwerkerseite verändert sich radikal. Es gibt immer weniger und schlechter ausgebildete Handwerker. Dem müssen Industrie und Handel entgegensteuern. Sopro tut dies mit zahlreichen Ausbildungsinitiativen und Marketinghilfen, über die wir ebenfalls schon mehrfach berichtete haben. Dazu zählt die Sopro Akademie ebenso wie die Webinare sowie die zahlreichen Broschüren des Unternehmens.

Zum Ende der Tagung wurde es noch mal technisch, als Michael Nissler, Marketingleiter bei Visoft, einen Einblick in die vielfältigen Möglichkeiten der digitalen Planung gab und die Chancen für den Handel aufzeigte. Die ständigen Weiterentwicklungen der Software zeigen auch, wie schnelllebig die Digitalisierung voranschreitet.

Impressionen aus Berlin:

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