Urban Terrazzo

Überreste von architektonischen Abriss werden in neue Oberflächen umgewandelt

Architektur als konstanter Transformationsprozess: Bei jedem Abbruch von Architektur entsteht ein Berg Abfall, Bauschutt, der teilweise bereits recycelt wird. In der Fachsprache nennt sich das Urban Mining. Materialkreisläufe und Nachhaltigkeit werden jedoch meist nur auf die Wahl der Baumaterialien und die Effizienz nach der Fertigstellung einer Architektur bezogen, betrachtet. Sehr selten interessiert man sich dafür, was mit der Architektur nach Ablauf ihres Lebenszyklus passiert. Architektur kann aber nicht nur die materielle Manifestierung eines „monumentalen“ Status ad hoc sein, Architektur muss vielmehr als ein Prozess begriffen werden, als eine Transformation in einer Zeitachse. Genau hier setzt der Begriff des „Second Life“ an, und hier hat das Projekt „Urban Terrazzo“ seinen Ursprung. Urban Terrazzo ist ein Design-Service und gleichzeitig ein Produkt, es stammt vom Berliner Design und Architektur Kollektiv „They Feed off Buildings“ (TFOB). Das Team ist auf designbasierte Materialforschung spezialisiert und arbeitet mit einem Kernteam von Erfindern und Kollaborateuren aus der Kreativszene, Forschung und Industrie zusammen. Bei den Projekten arbeiten Designer, Baustoffchemiker, Architekten, Filmer und Fotografen, aber auch Produzenten mit.

Abriss in Design verwandelt

Foto: Hannes Wiedemann

Urban Terrazzo ist ein innovatives Material, welches die Überreste architektonischen Abrisses in neue Oberflächen für die Anwendung in Design und wiederum Architektur umwandelt. Seit Jahrzehnten gehören Kräne und Schuttcontainer zum Stadtpanorama von Berlin. Die lange vernachlässigten Altbauten einer ehemals geteilten Stadt wurden sukzessive modernisiert, Plattenbauten gesprengt und öffentliche Funktionsgebäude durch Prestige-Architektur ersetzt. Was bleibt, sind Trümmer: Beton, Ziegel und andere Baustoffe, Abfälle für die Halde. TFOB sieht in diesem Schutt hingegen eine ungenutzte Ressource mit narrativen Potenzialen. Urbaner Abfall – wie Beton, Ziegel und andere Baustoffe werden sorgfältig selektiert und nach den Prinzipien der traditionellen Terrazzo-Kunst, mithilfe zeitgenössischer Technologie erneut zusammengefügt. Ultrahochfester Beton (UHPC verleiht dem Material seine strukturelle Stabilität. Die aus Bauschutt gewonnenen Zuschläge sorgen, auf unterschiedliche Arten veredelt, für den Erhalt des ästhetischen Charakters der ursprünglichen Architektur. Jedes Stück ist so einzigartig wie seine Herkunftsgeschichte.

Abfall wird zu Terrazzo

Die Gestalter zerlegen die Reste und sortieren nach Farben, Material und Dichte. Großes Geröll wird zu kleinem zerschlagen und alte Ziegel werden zu Farbpigmenten zerrieben. Aus den gewonnenen Ausgangsstoffen komponiert sich ein neues Material. Dafür haben TFOB ihre Werkstatt bewusst als mobiles Testlabor entwickelt. Ihre kleine Fertigungsstraße installieren sie vor Ort, hier entstehen erste Materialproben: Testfliesen, die von rotem Backsteinpigment eingefärbt sind oder sich dank grünen Ziegelgrundmaterial in einem Pistazienton zeigen. Abfall, der zu Terrazzo wird.

Limestone White erzählt die Geschichte des ältesten Anstrichmittels. Kalkfarbe wurde für den Anstrich bekannter Architekturen wie der griechischen Akropolis, dem römischen Kolosseum oder auch der Villa Savoye (von Le Corbusier entworfen) in Frankreich verwendet. Anders als moderne Stoffe bleibt diese traditionelle Farbe nicht auf der Oberfläche, sondern wird vom jeweiligen Untergrund aufgesaugt. Industrielles Schwarz ist eine Hommage an Stahl und den Einfluss der industriellen Revolution auf die Architektur. Ein wohlbekanntes und einflussreiches Beispiel ist die AEG Turbinenfabrik in Berlin. Mit diesem damals einzigartigen Design schuf Peter Behrens eine neue selbstbewusste Industriearchitektur, die sich nicht mehr hinter historisierenden Fassaden zu verstecken suchte.

Copper Green imitiert die natürliche Patina, die sich mit der Zeit auf Kupfer bildet. 1929 ließ Konrad Adenauer, der damalige Oberbürgermeister von Köln, ein Farbpigment herstellen, das eben dieser Patina von Kupfer entspricht. Bis heute ist die deutsche Stadt für ihre Rheinbrücken in „Kölner Grün“ bekannt. Brick Pink ist die Farbe von gemahlenen roten Backsteinen. Rot lässt sich auf einen hohen Eisengehalt zurückführen. Mit zunehmender Brenntemperatur wechselt die Farbe von tiefrot über lila zu braun. Das Berliner Rathaus wurde beispielsweise aus dem bekannten Rathenower Rot erbaut, während die Royal Albert Hall in London in Fareham Rot leuchtet. Brick Gold ist die Farbe von gemahlenen gelben Backsteinen. Gelb lässt sich auf einen hohen Kalkanteil zurückführen. Mit zunehmender Brenntemperatur wechselt die Farbe von gelb über beige zu hellbraun.

Foto: Hannes Wiedemann

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