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„Mobile Generalisten“: Herausforderung für Industrie, Handel und Handwerk

1200grad-Serie über Macher, Meinungen, Strategien und Perspektiven

In lockerer Folge wollen wir uns in den nächsten Wochen dem Thema der „Mobilen Generalisten“ – das bei der Industrie, im Handel sowie im Handwerk für großen Gesprächsbedarf sorgt und stark polarisiert –, aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln nähern. Wie bewerten die Baustoffhersteller dieses (nicht mehr ganz so) neue, aber immer stärker ausgeprägte Phänomen? Wie reagiert der Baustoff-Fachhandel, wie die Baumärkte auf diese Zielgruppe? Welche Haltung nehmen die Handwerks- und Bauverbände gegenüber diesen Marktteilnehmern ein, die von Jahr zu Jahr an Bedeutung gewinnen? Und last but not least – wer sind eigentlich solche „Mobilen Generalisten“, was treibt sie um, was können sie, wie arbeiten sie? Damit Sie alle Beiträge zu diesem Themenfeld schnell und übersichtlich wiederfinden, haben wir zudem unter der Rubrik Handwerk eine Unternavigation “Generalisten” eingefügt.

So sieht er aus, der fahrbare Untersatz eines „White Van Man“. Immer mehr von ihnen sind auf Deutschlands Straßen (und Baustellen) zu sehen. Namen und Adresse haben wir aus Datenschutzgründen unkenntlich gemacht. Alle Fotos: Redaktion

Der Baustoffhandel sowie die Baustoffindustrie treffen hierzulande zunehmend auf einen neuen Typus von Handwerkerkunden, die so genannten „Mobilen Generalisten“. Diese „werkstattlosen” Handwerker bieten Dienstleistungen mehrerer Baugewerke aus einer Hand an. Lange Zeit ließ man diese neue Zielgruppe links liegen, bis der hagebau-Report 2015 erstmals repräsentative Zahlen zu dieser neuen „Handwerker-Spezies“ lieferte. Die dem Report zugrunde liegende Definition besagt, dass die „Mobilen Generalisten“ mindestens drei unterschiedliche Gewerke mit relevanten Umsätzen ausüben. Sie sind überwiegend nur mobil erreichbar, besitzen keine eigene Werkstatt, denn ihr Werkzeug passt zumeist in einen Kleintransporter, mit dem die fahrenden Allrounder üblicherweise unterwegs sind. Die größte Gruppe unter ihnen bilden die gemeldeten Fliesenlegerbetriebe, deren Anzahl sich in den Jahren zwischen 2000 und 2016 mit bis dato etwa 70.000 Betrieben versechsfacht hat. Das Bonner Marktforschungsinstitut B+L Marktdaten bezifferte den Umsatz dieser überwiegend kleinen Betriebe – inklusive Parkettleger, Raumausstatter u. a. – bereits in 2014 auf 14,7 Mrd. €. Die wenigsten dieser Kleinstbetriebe sind in Innungen organisiert.

Rolf Stühring: Seit 13 Jahren Spezialist für Innen- und Außensanierung

Als Einstieg stellen wir heute einen Vertreter der „Mobilen Generalisten“ vor. Wir haben ihn auf seiner aktuellen Baustelle besucht, ihm bei der Arbeit über die Schulter geschaut und ihn zu den verschiedensten Themen befragt. Soviel vorweg: Den „Prototyp“ des „Mobilen Generalisten“ gibt es wohl eher nicht: zu unterschiedlich sind die einzelnen Kleinstbetriebe strukturiert. Und es erwies sich auch als nicht so ganz einfach, einen von ihnen „aus der Deckung“ zu locken. Zum einen scheint die überwiegende Mehrzahl nicht sonderlich daran interessiert, „ihr“ (Erfolgs)-Rezept preiszugeben, auf der anderen Seite zeigten sich auch die angesprochenen Baumärkte und Fachhändler (im Allgäu ) bei der „Preisgabe“ von Kundenkontakten alles andere als kooperativ. Schließlich fanden wir aufgrund einer Anzeige in der „Allgäuer Zeitung“ Rolf Stühring, der uns bereitwillig Rede und Antwort stand.

Nach telefonischer Terminabsprache treffen wir den Kemptener in der Ortschaft Eisenharz, westlich von Isny im Landkreis Ravensburg gelegen. Sein derzeitiger Arbeitsplatz ist ein zweigeschossiges Einfamilienhaus aus den 60er Jahren. Der neue Eigentümer hatte das Objekt entkernen lassen und gestaltet das Innere nun komplett neu. Rolf Stühring erhielt den Auftrag, zwei Bäder und ein Gäste-WC zu verfliesen und zu verputzen, außerdem verlegt er keramische Fliesen auf den Böden in den Fluren.

Bereits fertig – aus Sicht des Fliesenlegers – ist das Badezimmer im Obergeschoss. Dort verlegte Rolf Stühring weiße Fliesen im Format 30×60 cm aus dem Sortiment eines namhaften deutschen Herstellers.

Der 57-jährige kam im Jahre 1999 von Bremen ins Allgäu. Gegen Ende der 70er Jahre hatte er in seiner Heimatstadt seine Maurerlehre mit dem Gesellenbrief abgeschlossen. Später ließ er sich darüber hinaus noch zum Feinmechaniker ausbilden und arbeitete im Allgäu zunächst als CNC-Fräser in einem Produktionsbetrieb, wo er nach und nach in höhere Positionen aufstieg. Mit der Insolvenz des Unternehmens stand der damals 45-jährige mit einem Mal auf der Straße. „Ich habe über Monate hinweg eine Unzahl an Bewerbungen rausgeschickt, leider ohne Erfolg – denn mit 45 gehörst Du offensichtlich schon zum alten Eisen“, erinnert sich Stühring an diese schwere Zeit. Schließlich besann er sich auf das, was er ursprünglich gelernt hatte, holte Informationen bei der zuständigen Handwerkskammer ein und unternahm als Ein-Mann-Bauunternehmen vor 13 Jahren den Schritt in die Selbständigkeit.

„Uns fehlen die Fachkräfte am Bau, um das Mehr an Aufträgen abzuarbeiten. Wenn wir seit Jahren nicht die so genannten ‚Generalisten‘ hätten, die ein erhebliches Volumen an Boden- und Wandfliesen verarbeiten, hätte der Fliesenabsatz im deutschen Markt stagniert.“

Carlo Cit, Hansa Unternehmensberatung

 

„Seit dieser Zeit kämpfe ich mich so durch“, sagt er mit einem verschmitzten Grinsen im Gesicht, während er seine Arbeit kurz unterbricht und sich eine Zigarette anzündet. Reichtümer werde er mit seiner Tätigkeit wohl nicht verdienen, aber sie sichere ihm seinen Lebensunterhalt, erklärt er. Heute könne er sich „nichts anderes mehr vorstellen“. Er kümmere sich um seine Aufträge, sei „sein eigener Chef“ und er allein gebe das Tempo vor – irgendwie ein echter Einzelgänger.

Für einen allein ganz schön sperrig, die 60×120 cm großen Wandfliesen von Iris Ceramica. Sie zieren demnächst das Gäste-WC des Auftraggebers.

Der Auftrag: Zwei Bäder, ein Gäste-WC und Fußböden aus Keramik

Seit der zweiten Februarwoche ist er auf „seiner Baustelle“ im württembergischen Allgäu. Die Bäder im Obergeschoss und im Keller sind bereits fertig – mit weißen Fliesen im Format 30×60 cm aus dem Sortiment eines namhaften Herstellers aus dem Südwesten Deutschlands. Heute stehen die Vorarbeiten für das Gäste-WC auf dem Programm. Dort möchte der Auftraggeber XXL-Wandfliesen im Format 60×120 cm von Iris Ceramica verlegt haben – für Rolf Stühring eine Herausforderung. Nicht das Gewicht der Platten sei hier das Problem, sagt er, sondern das sperrige Format. Da sei man als Einzelkämpfer schon gefordert. Zunächst zeichnet er die Stellen auf den Fliesen an, wo die Löcher für die Wasseranschlüsse hin müssen. Dann nimmt er seine Kreissäge und sägt die Fliesen an den markierten Stellen an, die übrig bleibenden Stege kappt er anschließend mit einer Zange ab.

„Angesichts teilweise fragwürdiger Qualifikationen bei diesen »Mobilen Generalisten« – und oft auch entsprechender Arbeitsergebnisse – muss man wohl zur Kenntnis nehmen, dass sie in keinem ihrer zahlreich bearbeiteten Gewerke den Nachwuchs fördern. Am Markt sind sie jedoch ein bedeutender Faktor: Sowohl Hersteller als auch Händler suchen händeringend nach Möglichkeiten, diese Klientel zumindest als Käuferschicht zu erreichen.“

Andreas Wilbrand, Geschäftsführer Sopro Bauchemie

Für den gelernten Maurergesellen gehört heute das Verfliesen von Bädern sowie das Verlegen von Bodenfliesen – zumeist in Sanierungsobjekten in Privatbesitz – zu seinen hauptsächlichen Tätigkeiten. Darüber hinaus verlegt er auch Böden aus anderen Materialien, bevorzugt aus Laminat. Aber auch Balkone und Terrassen gehören zu seinem Repertoire. Und nicht zuletzt werden seine Fähigkeiten in seinem angestammten Beruf als Maurer immer wieder gefordert. Als Nachfolgeauftrag stehen bereits Verputzarbeiten an einem Garagenhof in seinem Terminkalender. Neben Badverfliesungen, Bodenverlegungen und Maurerarbeiten seien es häufig die „Kleinigkeiten, die eben gemacht werden müssen und an die sich die Leute selbst nicht herantrauen – und oft auch gar nicht wollen“, erzählt er. Und dann sei er eben gefragt.

Nachdem er die Stellen für die Löcher markiert hat, sägt Rolf Stühring sie mit seiner Kreissäge aus.

Mundpropaganda und klassische Print-Werbung

Wie „vermarktet“ sich Rolf Stühring? In „seinem“ Aktionsradius bis etwa 30 Kilometer rund um Kempten funktioniere das Geschäft in der Hauptsache über Mundpropaganda. Offensichtlich spricht es sich herum, wer gute Arbeit abliefert und wer nicht. Außerdem setzt der 57-jährige auf die „klassische Werbung“ im Anzeigenteil der Donnerstagsausgabe der Allgäuer Zeitung. „Ein großer Teil meiner Kundschaft sind die älteren Leute, und die lesen noch Zeitung.“ Stühring hat zwar eine eigene Homepage, aber im Grunde brauche er „diesen ganzen Schnickschnack wie Facebook und dergleichen“ eher nicht. Normalerweise über sein Handy erreichbar, arbeitet er zurzeit in Eisenharz in einem Funkloch und sei somit tagsüber schwer zu sprechen. Aber das stört ihn ganz und gar nicht. Und so kümmert er sich nach Feierabend um die Anfragen, die während seiner Abwesenheit übers Festnetz bei ihm eingegangen sind.

Rolf Stühring stellt seine Dienste ausnahmslos privaten Auftraggebern zur Verfügung. Falls diese das Material nicht bereits selbst besorgt und an die Baustelle geschafft haben, verweist er sie an den örtlichen Baustoffhandel, bevorzugt an die BayWa-Niederlassung in Kempten. Im Regelfall verfügt er über einen Auftragsbestand von bis zu zwei Monaten. Terminabsprachen, die Koordinierung auf der Baustelle mit anderen Handwerkern, das alles macht er allein; und auch für das „Finanzielle drumherum“ benötige er keinen Steuerberater.

Fachkräftemangel: „Daran ist die Baubranche doch selbst schuld!“

Der bekennende Einzelkämpfer profitiert vom Fachkräfte- und Nachwuchsmangel am Bau, er kann sich seine Aufträge aussuchen. Anfragen von Bauträgern lehnt er rigoros ab. „Die lassen einen erst alles machen und finden bei der Endabnahme immer einen Grund, den vereinbarten Preis zu drücken“, schildert er seine Erfahrungen als „Subunternehmer“. Im übrigen sei die Branche am eklatanten Fachkräftemangel selbst schuld, findet er. Nicht nur, dass sie es verschlafen habe, an ihrem Image entsprechend zu arbeiten. Auch hätten die Löhne, die heute am Bau gezahlt werden, mit der Entwicklung in anderen Berufen sowie den Lebenshaltungskosten nicht Schritt gehalten. So hätte er sich Ende der 70er Jahre von seinem Lohn deutlich mehr leisten können als ein junger Maurergeselle heutzutage, sagt er. „Was sollte also heute die jungen Menschen dazu bewegen, eine derart schwere Arbeit zu machen, wenn man das gleiche (oder mehr) Geld für einen Job im warmen und trockenen Büro bekommt?“

Plädoyer für den Alleskönner

Eine weitere Entwicklung beobachtet Stühring mit gewisser Skepsis. „Heute sind alle Berufe hoch spezialisiert. Früher musstest du als Maurer alles können, auch Fliesenlegen. Und wenn dann mal die Mischmaschine ihren Dienst versagte, haben wir das gleich an Ort und Stelle wieder in Ordnung gebracht. Heute ruft man sofort den Reparaturservice an.“

Ganz so einfach sei das mit der Selbstständigkeit aber nicht, weiß er. Er kennt aus seiner Praxis etliche Beispiele, bei denen die Jungunternehmer nach zwei, drei Jahren am Ende waren. „Nicht, weil sie keine Aufträge hatten oder schlechte Arbeit ablieferten… nein, weil sie häufig in finanziellen Dingen Fehler machten, die das ganze Projekt scheitern ließen – beispielsweise mit dem Finanzamt im Dauer-Clinch lagen.“ Selbstständigkeit, das bedeute vor allem auch Disziplin. „Du musst immer am Ball bleiben“, so Stühring. „Aber wenn Du gut bist, hast Du immer Arbeit…“

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