Jubiläums-Cersaie: besser als erwartet

Erstaunlich positive Stimmung auf der 40. Messe in Bologna

Die 40. Cersaie in Bologna war keine Messe wie jede andere. Sicher, das hat man bei der Ausgabe im Corona-Jahr und nach dem Beginn des Ukraine Krieges auch schon gedacht. Und nein, es hängt auch nicht mit dem 40-jährigen Jubiläum zusammen, sondern viel mehr mit einem sehr schwierigen wirtschaftlichem Umfeld, das selbst langjährige Marktteilnehmer noch nie so erlebt haben.

Extrem gestiegene Energiekosten sowie eine stockende Bautätigkeit haben vor allem in Deutschland zahlreiche Hersteller in Existenznöte gebracht. Davon zeugen nicht nur die Insolvenzanträge von Steuler und Boizenburg, sondern auch vieler anderer Marktteilnehmer aus dem angeschlossenen Zubehörbereich. Hinter vorgehaltener Hand wurde in Bologna schon über die nächsten Kandidaten gemunkelt, die den Gang zum Insolvenzverwalter antreten müssen. Und die Liste war nicht kurz, über die da spekuliert wurde.

In den anderen europäischen Ländern sieht es teilweise etwas besser aus, aber rosig ist die Lage nirgendwo. Somit zeigten alle Zeichen auf Alarmstimmung, als sich die Messetore 2023 in Bologna öffneten.

Das obligatorische Foto des Messeingangs ist für viele Besucher schon lieb gewonnene Tradition – so wie die Messe selber. Alle Fotos: Redaktion

Doch oh Wunder: die Stimmung war erstaunlich gut, die Messegänge voll, der Besuch vom deutschen Handel fast wie jedes Jahr, die Gespräche erfreulich bis sehr gut, die Innovationen wie immer. Ob dies alles nur eine schöne Fassade ist, hinter der es in Wirklichkeit ganz anders aussieht, lässt sich nicht zweifelsfrei beurteilen. Vielleicht hat die Fliesenbranche einfach auch nur gelernt, mit großen und kleinen Katastrophen zu leben?

Fakt ist, dass in ganz Europa eine Insolvenz- und Fusions- bzw. Aufkaufwelle rollt, deren Ende man noch gar nicht abschätzen kann. Was durchaus verständlich ist, denn in der Fliesenbranche gibt es einfach zu viele klein- und mittelständische Unternehmen. Durchaus sympathische Marken mit schönen Produkten, die aber einfach nicht mehr in der Lage sind wirtschaftliche Talfahrten langfristig zu überleben oder die notwendigen Investitionen in eine moderne Produktionstechnologie zu tätigen.

Wann laufen die Geschäfte wieder normal?

In Spanien gibt es aktuell derzeit 137 Hersteller, in Italien sind es 128. Über 250 Hersteller sind aber für diesen Markt, bei allem Wunsch nach einer gewissen Produktvielfalt, viel zu viel. Der Markt wird sich also über kurz oder lang weiter gesund schrumpfen. Das tut er eigentlich schon seit Jahren, aber das Tempo wird sich noch erhöhen, weil der Druck immer größer wird. Wer da nicht, wie viele spanische Hersteller, langfristig sein Exportgeschäft ausgebaut hat, hat besonders viele Sorgenfalten auf der Stirn.

Trendfarben: Es grünte so grün auf den Messeständen in Bologna.
Trendfarben: Es grünte so grün auf den Messeständen in Bologna.

Vielleicht war die Stimmung auch deshalb auf der diesjährigen Cersaie so positiv, weil die meisten Marktteilnehmer hoffen, dass dieses Tief des Marktes nur vorübergehender Natur ist. Denn man darf nicht vergessen, dass der Markt nach der Corona-Welle von einem noch nie da gewesenem Allzeit-Hoch gekommen ist. Die Läger des Handels scheinen immer noch voll – und damit die Hoffnung groß, dass es schon wieder aufwärts geht, wenn die Geschäfte wieder in normalen Bahnen laufen. Aber das kann dauern, denn bis leere Lager auch wieder in Bestellungen münden vergeht eine gewisse Zeit.

In der Zwischenzeit versucht die Fliesenbranche für sich neue Marketingideen zu entwickeln. Und was liegt näher, als das viel strapazierte Thema der Nachhaltigkeit in den Fokus zu rücken, wo die Fliese doch eigentlich per se DAS Wand- und Bodenmaterial mit den besten Umwelteigenschaften ist.

Allerdings tun sich viele Fliesenhersteller schwer damit, die grüne Argumentationskette bis zum Kunden so durch zu deklinieren, dass daraus auch ein Mehrwert herausspringt. Für eine nachhaltige Fliese lässt sich nicht mehr Geld verlangen, denn Keramik war ja schon immer nachhaltig. Außerdem waren es die Fliesenhersteller von jeher gewohnt, ihre Vorteile gegenüber dem Wettbewerb vorrangig über Formate, Designs, Farben oder gar technisch Eigenschaften zu formulieren. Und natürlich – und leider ja – auch über den Preis! Aber jetzt sollen ja bald die „grünen Fliesen“ kommen, die mit moderner Solartechnik gefertigt werden. Das spart zumindest Produktionskosten, wenn man es richtig anstellt, macht also wettbewerbsfähiger.

Wo sind die Trends?

Eine der wenigen echten Innovationen waren die Fliesen-Systeme der Iris-Gruppe mit magnetischer Halterung über eine aufgezogene Folie. Das eröffnet auch neue Märkte.
Eine der wenigen echten Innovationen waren die Fliesen-Systeme der Iris-Gruppe mit magnetischer Halterung über eine aufgezogene Folie. Das eröffnet auch neue Märkte.

Apropos Formate, Designs, Farben: Seit der Inkjet-Technologie verliert die Messe ihre Trends. Früher war es das Gral eines jeden Messebesuchs, die Trends zu erforschen. Heute sind die Trends nicht nur seltener, sondern auch langfristiger angelegt.

– Großformate – hatten wir schon.

– Slaps – ein alter Hut (und zudem für viele Marktteilnehmer völlig überbewertet, auch wenn sich in Küchen und im Möbelbau hier neue Absatzmärkte erschließen lassen).

– Glasur-Innovationen – hat fast jeder.

– Großformatige Dekorationen – ein alter Hut.

Man muss also schon ganz genau hinschauen, um die Nuancen bei den langfristigen Trends zu erkennen. In diesem Jahr waren es die Trendfarben Grün und Blau in diversen Varianten, die gedeckten Farben der Natur, florale Designs, Glasuren, die Maserungen folgen, Motive mit Blättern, Muscheln und Pflanzen, sanfte Pop-Art-Farben in gelb, rosa, türkis, sanfte Erdtöne von Curry bis braun und ein Revival des Cottos. So jedenfalls sagt es die Messe und der italienische Herstellerverband in ihrem Trend-Report, den es jedes Jahr auf der internationalen Pressekonferenz gibt.

Volle Gänge wie eh und je…

Und so passt es irgendwie zur Cersaie 2023, das am dritten Messetag die News-Bombe des Steuler-Verkaufs an die italienische Panaria-Group durch die Messegänge ging und für zahlreiche Gespräche und Spekulationen sorgte. Dazwischen mischte sich bei dem einen oder anderen ein bisschen Wehmut, das wieder langjährige Keramik-Traditionen vom Markt verschwinden.

Aber auch das wird die Cersaie überleben, denn ausgebuchte Hallen und volle Gänge zeugen eindrucksvoll von ihrem wirtschaftlichem Erfolg. Selbst die fast jährlich aufkeimende Diskussion um einen zweijährigen Messerythmus wischt die Cersaie selbstsicher vom Tisch. Der Erfolg gibt ihr Recht. Also sehen wir uns auch im nächsten Jahr wie gehabt zur Trendsuche und zum Branchen-Munkeln in Bologna!

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