Italienische Hersteller zur aktuellen Lage

Confindustria Ceramica: Überleben der italienischen Keramikindustrie in Gefahr

Die Baukeramikbranche kämpft mit Preiserhöhungen, Lieferschwierigkeiten, Rohstoffknappheit, explodierenden Energiekosten. Bereits wenige Tage nach Ausbruch des Kriegs in der Ukraine hat sich die Situation auch in Bezug auf die bereits dramatisch hohen Erdgaspreise nochmals verschärft. 1200GRAD sprach mit der italienischen Keramikindustrie.

Eine kurz- oder mittelfristige Stabilisierung der Energiekostenexplosion, geschweige denn eine Senkung auf das Niveau von 2020, erscheint aufgrund der angespannten geopolitischen Lage immer unwahrscheinlicher. Bereits im Dezember 2021 war von einem Anstieg um 400% im Vergleich zum Vorjahr die Rede, die Energiekosten für die italienischen Hersteller hatten nach Auskunft des Unternehmerverbands Confindustria Ceramica ausgehend von einst 250 Millionen Euro bereits fast eine Milliarde erreicht.

Selbst mit Preiserhöhungen gelingt es den Keramikhersteller nicht, die galoppierenden Energiekosten aufzufangen. In den vergangenen Jahren wurde bereits erheblich in moderne energieeffiziente Produktionsanlagen investiert, so dass der Bewegungsspielraum der Industrie laut Industrieverband Confindustria Ceramica ausgeschöpft erscheint. Aus diesem Grund appelliert der Verband auf europäischer, nationaler und regionaler Ebene an die Politik und zeichnet dabei ein dramatisches Bild. Das Überleben der italienischen Keramikindustrie sei in Gefahr!

So zum Beispiel in einem Schreiben an den italienischen Ministerpräsident Mario Draghi vom 7. Februar 2022, das der Redaktion vorliegt. „Der dramatische Anstieg der Kosten für Energierohstoffe, insbesondere Erdgas und Strom, und die allgemeine Verteuerung von Rohstoffen sind Phänomene, die sich als nicht vorübergehend oder kurzlebig herausstellen. Dies sind Phänomene, die in „sehr energieintensiven“ Branchen wie der Keramikbranche, die aus über 300 Unternehmen und einem Umsatz von rund 6.500 Millionen Euro besteht, zum Einbruch wichtiger Margen führen können, die industrielle Wettbewerbsfähigkeit gefährden und diesen wichtigen nationalen Wirtschaftssektor in Gefahr bringen.“

Wie ist die Lage bei den italienischen Herstellern?

Tanja Pahlke, Vertriebsleiterin Fiandre Deutschland und Österreich. Foto: Fiandre
Tanja Pahlke, Vertriebsleiterin Fiandre Deutschland und Österreich. Foto: Fiandre

Tanja Pahlke, Vertriebsleiterin Deutschland und Österreich bei Fiandre Graniti

1200GRAD: Wie ist die Stimmung bei den italienischen Produzenten generell?

Tanja Pahlke: Die Situation ist aufgrund der Preissteigerungen für Erdgas komplex wodurch die Gefahr besteht, dass der positive Trend, den die Branche erlebt, verlangsamt wird. Um diese Phase bestmöglich meistern zu können, stellt sich jedes Unternehmen auf eigene Weise auf. Dennoch herrscht weiterhin Vertrauen unter den italienischen Herstellern.

1200GRAD: Wie stark spüren Sie die Rohstoffknappheit? Wird es zu Preissteigerungen für die Kunden kommen?

Tanja Pahlke: Bei weltweit durchgeführten Studien und Analysen zur Kostenentwicklung hat sich gezeigt, dass die verzeichneten Steigerungen im verarbeitenden Gewerbe sogar noch deutlicher sind. Wie Sie wissen, ist die Keramikbranche eine „energieintensive „Industrie, daher führen diese Preissteigerungen unweigerlich zu einer Erhöhung der Produktionskosten.

Dieses Szenario kommt zu dem bereits bekannten Anstieg der Preise für Verpackungsmaterialien, Rohstoffe, Transport und Energie hinzu, was eine Überarbeitung der Verkaufspreise erforderlich macht und die wir unseren Kunden mitgeteilt haben. Sie haben die durch die Verknappung verursachte Situation verstanden und erleben diese ebenfalls.

Die konsolidierte und vertrauensvolle Beziehung, die wir zu unseren Kunden aufgebaut haben, stellt einen grundlegenden Wert dar: eine Partnerschaft, die es uns ermöglicht, komplexere Momente mit Blick auf die Zukunft zu überstehen. In diesem Zusammenhang führt unser Unternehmen ein Projekt von großer industrieller Bedeutung im Bereich der Nachhaltigkeit durch.

Unsere Gruppe (Iris Ceramica Group) schließt bis Ende dieses Jahres am Firmensitz in Italien in Castellarano in der Provinz Reggio Emilia den Bau des ersten Keramikwerks der Welt ab, das mit grünem Wasserstoff betrieben wird (1200Grad berichtete bereits hier).

 

Simonetta Barnabè, Gigacer Vertriebsleitung Deutschland. Foto: Alexandra Becker
Simonetta Barnabè, Gigacer Vertriebsleitung Deutschland. Foto: Alexandra Becker

Simonetta Barnabè, Vertriebsleiterin Gigacer Österreich, Deutschland und Schweiz

1200GRAD: Wie ist die Stimmung bei den italienischen Produzenten generell? Wie ist Ihre persönliche Einschätzung dazu?

Simonetta Barnabè: Die italienischen Hersteller sind sehr besorgt über die Preiserhöhungen für alle Rohstoffe, Strom und den unverhältnismäßigen Anstieg der Erdgaspreise. Insgesamt besteht tatsächlich die Gefahr, die italienischen Unternehmen zu blockieren.

1200GRAD: Machen sich bereits Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine bemerkbar?

Simonetta Barnabè: Der Krieg in der Ukraine wird die Beschaffung von Rohstoffen zusätzlich erschweren, es wird jedoch bereits nach Alternativen aus Lieferländern wie Algerien und Marokko gesucht, um unseren Kunden eine kontinuierliche Versorgung mit den benötigten Artikeln zu gewährleisten.

1200GRAD: Wie stark spürt Gigacer die Rohstoffknappheit? Wird es zu Preissteigerungen für die Kunden kommen?

Simonetta Barnabè: In unserer Branche führt die Rohstoffknappheit leider zu längeren Lieferzeiten für unsere Kunden und das ist nicht gut. Denn bei Gigacer ist es üblich, den Kunden einen hervorragenden Service für die meistverkaufte Artikel zu bieten.

Die Preiserhöhung für unsere Kunden ist leider unvermeidlich. Gigacer hatte es in der Anfangszeit versucht, die Mehrkosten zu tragen, ohne sie auf die Kunden umzuverteilen. Aber da die Rohstoffe, Strom und Gas weiter steigen, kann sich das Unternehmen das nicht mehr leisten.

 

Michela Callegari, Vertriebsleiterin Lapitec
Michela Callegari, Vertriebsleiterin Lapitec

Michela Callegari, Vertriebsleiterin Lapitec

1200GRAD: Wie ist die Stimmung bei den italienischen Produzenten generell?

Michela Callegari: Unter den Herstellern herrscht große Besorgnis über die steigenden Transport- und Rohstoffkosten. Wir sehen einen Anstieg der Materialkosten für Händler und Endkunden, aber dies betrifft uns aufgrund der Entwicklungen, die wir im Laufe der Jahre gemacht haben, nicht so sehr. Lapitec war in dieser Situation in der Lage, den Umsatz mehr als zweistellig zu steigern und leidet dank der technologischen Entwicklungen weniger unter der aktuellen Situation.

1200GRAD: Wie stark nehmen Sie die Rohstoffknappheit in Ihrem Fall wahr? Wird es zu Preissteigerungen für die Kunden kommen?

Michela Callegari: Unser Glück ist es, dass wir patentierte Rohstoffe entwickelt haben, die wir in unserem Werk in Italien herstellen. Es handelt sich um das einzige Werk weltweit, in dem Lapitec hergestellt wird und in dem seit Anfang dieses Jahres mit der Zugabe von Biorite unser gesamtes Sortiment frei von kristallinem Siliciumdioxid ist.

Wir haben tatsächlich einen Weg gefunden, dieses neue Mineral zu synthetisieren, wobei wir wiederum von natürlichen Materialien ausgehen. Das macht das Material für Steinmetze, Installateure und alle, die das Material mechanisch bearbeiten, völlig sicher, da es „Silica free“ ist.

Die Tatsache, dass wir nur in geringem Maße von externen Lieferanten abhängig sind, z. B. bei den Rohstoffen, hat es uns ermöglicht, die Preise gegenüber der Preisliste 2021 unverändert zu halten. Diese strategische Entscheidung wird von unseren Partnern geschätzt.

 

Claudio Martignani Verkaufsleiter Ragno/Marazzi Group
Claudio Martignani Verkaufsleiter Ragno/Marazzi Group. Foto: A. Becker

Claudio Martignani Verkaufsleiter Ragno/Marazzi Group

1200GRAD: Wie ist die Stimmung bei en italienischen Produzenten generell?

Claudio Martignani: Die Stimmung ist aufgrund der guten Auftragslage gut, aber sehr herausfordernd, was die Preispolitik und Verfügbarkeit betrifft. Das Jahr 2022 wird sich wahrscheinlich im Vergleich zu 2021 nicht groß verändern

1200GRAD: Wie stark spürt Ragno die Rohstoffknappheit? Wird es zu Preissteigerungen für die Kunden kommen?

Claudio Martignani: Im Moment ist die Energie, Transport und natürlich Rohstoffknappheit eine große Herausforderung. Wir haben sämtlich Preisschwankungen zu spüren bekommen und können nur einen Teil an unsere Kunden weitergeben. Wie sich die nächsten Monate entwickeln werden, können wir sehr schwer einschätzen, sind aber zuversichtlich, dass wir unsere Lieferfähigkeit und den Service am Markt mit den bereits getätigten Preiserhöhungen weiterhin garantieren können.

 

Alberto Terzoni, Vertriebsleiter Deutschland, Österreich, Schweiz und Niederlande für Savoia Italia
Alberto Terzoni, Vertriebsleiter Deutschland, Österreich, Schweiz und Niederlande für Savoia Italia

Alberto Terzoni, Vertriebsleiter Deutschland, Österreich, Schweiz und Niederlande für Savoia Italia

1200Grad: Wie ist die Stimmung bei den italienischen Produzenten generell?

Alberto Terzoni: Die Stimmung bleibt optimistisch. Die Nachfrage ist weiter gestiegen. Allerdings stellen die instabilen, ständig steigenden Produktionskosten eine große Sorge dar.

1200Grad: Dazu kommt jetzt noch der Krieg in der Ukraine, wirkt sich das bereits aus?

Alberto Terzoni: Der Krieg hat die Lage natürlich nochmals verschäft, unter anderem, weil der Ton für die italienische Keramikproduktion bekanntlich aus der Ukraine kommt. Nach meinen Informationen liegt derzeit am Hafen Ravenna noch Ton für maximal zwei Monate Produktion.

Die unmittelbaren Auswirkungen sind, dass meine Kunden zurzeit kräftig bestellen, weil sie Angst vor eventuellen Lieferschwierigkeiten und noch höheren Preisen in wenigen Monaten haben. Im Moment verzeichnen wir also viele Lagerbestellungen, aber was dann ab Mai, Juni passieren wird ist schwer einzuschätzen.

1200Grad: Wie stark spürt die Moma Gruppe die Rohstoffknappheit? Wird es zu Preissteigerungen für die Kunden kommen?

Alberto Terzoni: Ja, wir „kämpfen“ mit verschiedenen Lieferanten, um ausreichende Menge an Rohstoffen zu bekommen. Alles ist knapp, selbst die Kartonage, die Wellpappe, muss mit Monaten Voranmeldung bestellt werden. Sogar die Holzpaletten sind knapp und werden immer teurer.

Dabei muss man bedenken, dass wir zu Beginn des Jahres 2021 die DB-Paletten noch mit € 12,00 gekauft haben, das sind aktuell 22,00 Euro. Und dann denken Sie an die Energie- und Erdgaspreise. Wir hatten einen Energievertrag mit Preisfixierung auf € 0,15 pro Kubikmeter. Für die Produktion von einem 1 Quadratmeter mit 10 mm dicken Platten werden ca.2 Kubikmeter benötigt. Jetzt müssen wir 1,66 Euro pro Kubikmeter bezahlen! Bei den 20 mm dicken Platten haben wir fast 5,00 Euro Erdgaskosten pro Quadratmeter!

Dies hat zu einer Steigerung unserer Verkaufspreise geführt. Seit November waren wir gezwungen, bereits zweimal die Preisen zu erhöhen.

Lesen Sie dazu auch unseren Beitrag von Alexandra Becker „Italienische Kermikindustrie: erste Produktionsstopps.“

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