Die Fragen der Redaktion beantwortet Patric de Hair, Gründer und CEO des Bielefelder Start-ups. Fotos: Plan.One

Die Transformation der Baubranche

Plan.One schlägt die digitale Brücke zwischen Planern und Herstellern

Der Markt für Baustoffe ist gekennzeichnet durch eine Vielzahl an Herstellern und eine schier unüberschaubare Anzahl unterschiedlichster Produkte für vielfältigste Anwendungsbereiche und bautechnische Lösungen. Diese Komplexität bringt eine hohe Intransparenz mit sich und führt zu einem zeit- und kostenintensiven Rechercheprozess für Architekten und Planer. Vor drei Jahren erstmals live geschaltet, ermöglicht Plan.One – die interaktive Such- und Vergleichsplattform für Architekten und Planer – das schnelle Auffinden und herstellerübergreifende Vergleichen von Bauprodukten und schlägt so die digitale Brücke zwischen Planern und Baustoff-Herstellern. Das intelligente Assistenzsystem schafft Markttransparenz, spart Zeit und beschleunigt den Workflow. Mit diesem neuen Werkzeug wollen die Betreiber die Interaktion zwischen Architekten, Planern, Herstellern und ausführenden Unternehmen in der Baubranche revolutionieren. Was gab seinerzeit den Ausschlag zur Gründung von Plan.One? Welche Vorteile bringt es den Architekten? Was haben Hersteller, Handel und Verarbeiter davon? Diese und weitere Fragen beantwortet Patric de Hair, Gründer und CEO des Bielefelder Start-ups.

Herr de Hair, Plan.One wurde seinerzeit als Initiative der Schüco International KG gegründet und beschäftigt heute mehr als 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Was gab in 2016 den Ausschlag, mit Plan.One an den Start zu gehen?

Patric de Hair: Im Durchschnitt verbringen Architekten und Planer mehr als ein Drittel ihrer Zeit damit, das passende Produkt für ihr Bauvorhaben zu identifizieren. Das darf mit den heutigen technischen Möglichkeiten nicht mehr sein. Plan.One ermöglicht es Architekten und Planern, mit nur einem Klick Zugang zu allen Bauinformationen zu bekommen und leistet so einen wichtigen Beitrag zur Produktivitätssteigerung der Baubranche.

Wie stellte sich die Situation der Architekten aus Ihrer Sicht dar in einer Zeit, in der Vergleichsportale wie Check24 oder Verivox bereits eine große Akzeptanz im Markt hatten?

de Hair: Insbesondere im privaten Bereich werden Vergleichsportale wie Verivox, Check24 und Co. mit einer absoluten Selbstverständlichkeit genutzt. Innerhalb kürzester Zeit wird eine Auswahl aus scheinbar unendlichen Möglichkeiten getroffen, was aufgrund der Vergleichbarkeit möglich wird. Auch im beruflichen Alltag wächst der Wunsch nach raschen Entscheidungen und schnell vergleichbaren Produkten. Architekten wird es jetzt ermöglicht, mit wenigen Klicks das passende Bauprodukt zu finden. Zusätzlich sind relevante Planungs- und Ausschreibungsinformationen vorhanden, die entweder direkt heruntergeladen werden können oder mit dem BIM-Plugin direkt in die Planungssoftware übertragen werden.

Auch im beruflichen Alltag wächst der Wunsch nach raschen Entscheidungen und schnell vergleichbaren Produkten.

Mit welchen Herausforderungen hatten Sie in der Anfangsphase zu kämpfen?

de Hair: Nicht nur zu Beginn, sondern nach wie vor stellt die Data Readiness der Hersteller die größte Herausforderung dar. Die breite Masse der Zulieferindustie in der Baubranche ist noch weit davon entfernt, alle relevanten Produktdaten, wie technische Eigenschaften, Bildmaterial, Videos, Ausschreibungstexte, CAD und BIM-Daten, etc. per Knopfdruck in Systeme etwaiger Art auszuleiten. Es gibt einige Hersteller, die das Thema bereits gut im Griff haben. Diese können mit einer speziell entwickelten Importschnittstelle von Plan.One ihre Daten in Echtzeit übertragen. Die Hersteller, die diese Möglichkeit noch nicht haben, werden durch das Serviceteam bei der Datenbereitstellung unterstützt.

Die breite Masse der Zulieferindustie in der Baubranche ist noch weit davon entfernt, alle relevanten Produktdaten, wie technische Eigenschaften, Bildmaterial, Videos, Ausschreibungstexte, CAD und BIM-Daten, etc. per Knopfdruck in Systeme etwaiger Art auszuleiten.

Mit diesem neuen Werkzeug wollen die Betreiber die Interaktion zwischen Architekten, Planern, Herstellern und ausführenden Unternehmen in der Baubranche revolutionieren.

Mit Plan.One schlagen Sie die digitale Brücke zwischen Planern und Baustoff-Herstellern. Wie funktioniert Plan.One?

de Hair: Die Anbieter von Bauprodukten profitieren von der Möglichkeit, ihre produktrelevanten Informationen bereits in frühen Planungsphasen eines Bauvorhabens zur Verfügung zu stellen. Architekten und Planer können diese Produktinformationen entweder auf www.plan.one oder über ein Plugin innerhalb ihrer Planungssoftware durchsuchen und gegenüberstellen. Neben Broschüren, Bildern und Videos stehen planungs-, ausführungs- und wartungsrelevante Inhalte, wie z.B. BIM-Modelle, Ausschreibungstexte, Installationsanweisungen und Wartungshandbücher zum Download bereit. Mithilfe der gestellten Suchanfragen werden Trendreports erstellt, die den Herstellern im Rahmen der Big-Data-Analytics-Pakete als Grundlage für eine marktgerechte Produktentwicklung dienen. Das ist eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten: Die Architekten und Planer finden schnell zum passenden Bauprodukt und die Hersteller lernen, was seitens des Marktes benötigt wird.

Was haben Sie den bislang bereits entwickelten Lösungen voraus?

de Hair: Plan.One wurde entwickelt von Architekten für Architekten. Ein nennenswerter Anteil des Teams besteht aus erfahrenen Architekten, die die Herausforderungen des Planer-Alltags kennen und diese direkt in die Entwicklung einfließen lassen. Alle Produktinformationen und Eigenschaftswerte werden von einem Expertenteam standardisiert, um eine herstellerübergreifende Vergleichbarkeit auf Basis objektiver Bewertungskriterien zu ermöglichen. Der Planer kann passende Produkte über das BIM-Plugin für Archicad und Revit direkt in seiner Planungssoftware identifizieren und relevante Planungsdaten in sein Projekt übertragen. Ihm ist dabei überlassen, ob er ausgewählte alphanumerische Werte überträgt oder das gesamte BIM-Modell inklusive Geometrie. Zusätzlich können neben BIM-Modellen Inhalte wie CAD-Daten, Zertifikate, Broschüren und Ausschreibungstexte heruntergeladen werden.

Sie haben einmal gesagt: „Es ist Zeit, dass die Branche selbst aktiv wird“. Als Grund nennen sie hier die „disruptive Natur digitaler Innovationen“. Was konkret meinen Sie damit?

de Hair: Ein Großteil der Bauindustrie ruht sich auf dem aktuellen Erfolg aus. Ganz nach dem Motto: Warum sollte ich etwas ändern, ich verdiene doch gutes Geld und die Umsätze steigen. Schauen wir uns aber mal die sonstigen Kennwerte an.

Erstens: Der Produktivitätsindex innerhalb der Baubranche ist in den letzten 50 Jahren gleich geblieben. Sämtliche Innovationen, neue Technologien und sonstige Entwicklungen haben keinerlei Verbesserung erzielt.

Zweitens: Der Grad der Digitalisierung liegt im Vergleich zu allen anderen Industrien deutlich hinten.

Und drittens: Die Baubranche verbraucht 50% der weltweit zur Verfügung stehenden Ressourcen. So viel, wie alle anderen Industriebereiche zusammen. Das bietet Angriffspotential, die existierende Wertschöpfungsprozesse durch eine vollkommen neu gedachte Nutzerzentrierung auf den Kopf zu stellen. Auf der einen Seite freue ich mich auf diesen Moment, da es zwingend zu einer neuen Evolutionsstufe führt, auf der anderen Seite sehe ich extrem großes Potenzial, wenn es die Bauindustrie eigenständig schafft, sich zu digitalisieren und die Chanchen, die sich daraus ergeben werden, zu nutzen.

Ich sehe extrem großes Potenzial, wenn es die Bauindustrie eigenständig schafft, sich zu digitalisieren und die Chanchen, die sich daraus ergeben werden, zu nutzen.

Wie arbeiten Architekten mit diesem neuen Werkzeug? Welche Vorteile ziehen diese aus diesem digitalen Angebot im Vergleich zur herkömmlichen Produktrecherche?

de Hair: Wie bereits erwähnt, verbringen Architekten und Planer viel Zeit mit Recherche und Auswahl passender Bauprodukte. Plan.One löst dieses Problem, indem alle relevanten Informationen zentral und vergleichbar auf einer Plattform zur Verfügung gestellt werden, was den Workflow wesentlich vorantreibt. In Vorentwurfs- und Entwurfsphasen können Gestaltungsideen ganz einfach auf Machbarkeit geprüft werden. Richtung Ausschreibung können entweder herstellerspezifische oder -unspezifische Daten heruntergeladen oder mittels BIM-Plugin direkt in die Planungs- und nachgelagert AVA Umgebung integriert werden. Architekten und Planer können Hersteller zudem direkt über Plan.One kontaktieren beispielsweise, um Preise oder Muster anzufragen.

Die bisher gewohnte Erstellung von BIM-Modellen ist kostspielig und läuft bei einem breiten Produktportfolio häufig in hohe Summen. Mithilfe des Plan.One BIM-Plugins ist das gesamte Produktportfolio eines Herstellers auf Plan.One bereit für die BIM-Planung. Somit können Zeit und Kosten in großem Umfang gespart werden.

Welche Rolle spielt hierbei die mögliche Einbindung in die gängige BIM-Planungssoftware?

de Hair: Plan.One unterstützt den BIM-Prozess aktiv mit einem Plugin, welches die Produktsuche und direkte Einbindung von BIM-Modellen und Produktinformationen in die eigene Planungssoftware erleichtert. Das kostenlose Tool bietet eine Kombination verschiedenster Services: 3D-Objekte selbst erzeugen, Bauteile als Schichtsystemen unterschiedlicher Hersteller beliebig anlegen, ergänzen und erweitern, Produktdaten unmittelbar in die gewohnte Planungssoftware integrieren und mehr – alles in nur einem Programm. Das Plugin steht ab sofort für Archicad und Revit zur Verfügung.

Wo liegen hier die Vorteile für die Baustoff-Hersteller?

de Hair: Die Vorteile reichen von der einer unlimitierten Produktlistung bis hin zu detaillierten Analyseaspekten des eigenen Produktangebots. Die bisher gewohnte Erstellung von BIM-Modellen ist kostspielig und läuft bei einem breiten Produktportfolio häufig in hohe Summen. Mithilfe des Plan.One BIM-Plugins ist das gesamte Produktportfolio eines Herstellers auf Plan.One bereit für die BIM-Planung. Somit können Zeit und Kosten in großem Umfang gespart werden. Zudem ist die Produktlistung unlimitiert, unabhängig von der Größe des Produktportfolios fällt lediglich ein Pauschalpreis an. Alle relevanten Produktinformationen werden somit zentral für Architekten und Planer in den frühen Entwurfsphasen zur Verfügung gestellt. Mit den detaillierten Analysemöglichkeiten erhalten Baustoff-Hersteller exklusive Einblicke in den Markt und können Nutzergruppen besser verstehen, behalten den Wettbewerb im Blick und können ihr eigenes Portfolio optimieren. Neben der Analyse kann Plan.One zusätzlich als weiterer Marketingkanal genutzt werden, um Inhalte gezielt bei der Zielgruppe zu positionieren.

Mithilfe des Plan.One BIM-Plugins ist das gesamte Produktportfolio eines Herstellers auf Plan.One bereit für die BIM-Planung. Somit können Zeit und Kosten in großem Umfang gespart werden.

Gibt es bei den Herstellern dominierende Produktbereiche? Wie viele der am Markt agierenden Unternehmen sind bei Ihnen aufgeführt? Zu wie viel Prozent bilden Sie die Branche bereits ab?

de Hair: Das Angebot an Bauproduktlieferanten ist extrem umfangreich. Wir sind weit davon entfernt, 100% der DACH Branche abzudecken. Allerdings haben wir in den letzten drei Jahren Produktinformationen von über 500 Herstellern in 85 unterschiedlichen Produktkategorien ongeboardet. Das macht ein durchschnittliches Wachstum von einem neuen Hersteller alle zwei Tage. Tendenz natürlich steigend und skalierend. Ziel ist eine möglichst hohe beziehungsweise den Nutzeranforderungen entsprechende Auswahl bereitzustellen. Darüber hinaus ist ein wichtiger Expansionsfaktor jeder Plattform dessen Internationalisierung.

Das Angebot an Bauproduktlieferanten ist extrem umfangreich. In den letzten drei Jahren wurden Produktinformationen von über 500 Herstellern in 85 unterschiedlichen Produktkategorien eingestellt – darunter auch Fliesenhersteller.

Welche Rolle spielen bislang die (internationalen) Hersteller keramischer Fliesen auf Ihrer Plattform?

de Hair: Der Boden ist ein wichtiger Aspekt bei der Planung und findet auch bei Plan.One Berücksichtigung. Neben Parkett, Laminat, textilen Böden und mehr finden sich natürlich auch keramische Fliesen auf der Plattform wieder. Sobald der Internationalisierungsprozess angestoßen wird, sind selbstverständlich auch internationale Hersteller willkommen.

Inwieweit ist Plan.One auch für das verarbeitende Handwerk sowie den Baustoff-Handel von Nutzen?

de Hair: Bislang nur indirekt. Verlässliche Planungsdaten ermöglichen natürlich auch verbesserte Umsetzungsprozesse. Um zu zeigen was technisch tatsächlich schon möglich ist, haben wir exemplarisch für Schüco eine Lösung entwickelt, welche eine elementkonkrete, automatisierte Konfiguration von Ausführungsplanung bis hin zu As-Build Modellen ermöglicht. Zudem können Material-, bzw Stücklisten, Richtpreise oder Fertigungsdaten (CAM) generiert werden.

Wie finanziert sich Plan.One? Welche Kosten kommen hier auf den Architekten und den Hersteller zu?

de Hair: Für Architekten und Planer ist die Plattform kostenlos, die Hersteller zahlen einen jährlichen Lizenzbeitrag, unabhängig der Portfoliogröße. Darüber hinaus können zusätzliche Services, wie Big Data-Analytics für eine Produktperformance, einen Wettbewerbsvergleich oder Trendreports auf Basis der Nutzerinteraktion erstellt werden. Damit wird prognostiziert, wonach der Markt eigentlich sucht, eine wertvolle Information für die Planung der Hersteller. Eine weitere Möglichkeit ist der sogenannte Catalog, bei dem Hersteller die Plan.One-Technologie für ihre eigene Website nutzen können, um einen Produktfinder zu integrieren. Weitere Möglichkeiten für Hersteller von Plan.One sind hier zu finden.

Im Herbst 2019 kürte der Rat für Formgebung Ihre Vergleichsplattform zum Sieger des German Design Awards. Wie bewerten Sie diese Auszeichnung?

de Hair: Es freut uns als gesamtes Team riesig, dass unsere Arbeit Anerkennung in Form dieses Awards findet. Und es zeigt, dass wir auf einem guten Weg sind, unsere designaffine Zielgruppe für Plan.One zu begeistern.

Was haben Sie bis heute erreicht?

de Hair: Zunächst konnten wir zwei der erfolgreichsten KeyPlayer der deutschen sowie internationalen Bauindustrie als strategische Investoren gewinnen. Neben wirtschaftlicher Sicherheit bestärkt es uns auf dem richtigen Weg zu sein und verhilft unserem jungen Unternehmen das damit verbundene Vertrauen weiter geben zu können. Des weiteren haben wir uns in den letzten zwei Jahren zu der am schnellsten wachsenden Bauproduktdatenbank im gesamten DACH-Raum entwickelt und wurden bereits mit dem DETAIL Produktpreis für digitale Lösungen und dem German Design Award in der Kategorie Excellent Communications Design – Web ausgezeichnet. Darüber freuen wir uns sehr.

Wo wollen Sie hin? Wo sehen Sie sich in fünf, in zehn Jahren?

de Hair: Plan.One wird die zentrale Informationsplattform für sämtliche relevante Bauinformationen und bietet Schnittstellen und Integrationsmöglichkeiten in bestehende Workflows und Infrastrukturen der Architekten.

Zur Person: Patric de Hair, Jahrgang 1981, ist Architekt und Bauingenieur und gründete vor seiner Zeit bei Schüco bereits mehrere erfolgreiche und – wie er sagt – „teilweise auch nicht erfolgreiche Start-ups“. In dieser Zeit konnte er viel über das Unternehmertum, dessen Herausforderungen und Möglichkeiten lernen. 2013 konnte Schüco ihn aufgrund des spannenden Tätigkeitsfeldes von seinem ersten Angestelltenverhältnis im Bereich des neu geschaffenen Innovationsmanagements für digitale Services überzeugen. Heute ist er Digital Board Member der Schüco International KG und mitverantwortlich für die Entwicklung und Umsetzung der Digital-Strategie. Außerdem ist er Co-Founder und CEO des Schüco Corporate Start-ups Plan.One. Neben Familie, Hund und Bergen beschäftigt sich Patric de Hair in seiner Freizeit gerne mit der Erzeugung elektronischer Musik.

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