Deutsche Steinzeug: Probleme hatten sich angedeutet

Die Schieflage des deutschen Marktführers kommt nicht überraschend

Leider gibt es erneut schlechte Nachrichten aus der deutschen Fliesenindustrie: Die Deutsche Steinzeug Cremer & Breuer AG hat Insolvenz in Eigenverwaltung angemeldet (siehe unser Bericht hier). Betroffen sind vier Produktionsstandorte in Ötzingen, Schwarzenfeld, Sinzig und Witterschlick sowie rund 1.100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Nach Osmose, Klingenberg, Boizenburg und Steuler ist damit innerhalb kurzer Zeit der fünfte deutsche Fliesenhersteller von einem Insolvenzverfahren betroffen.

Für Brancheninsider kommt der Schritt der Deutschen Steinzeug nicht völlig überraschend. Dieter Schäfer, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Steinzeug, hatte bereits in den vergangenen zwei Jahren mehrfach in verschiedenen Medien auf die prekäre Lage seines Unternehmens und der deutschen Keramikbranche hingewiesen, so in Capital („„Wir werden für unser Überleben weiterkämpfen“), Stern („Das darf nicht den Bach runter gehen“) und auch bei 1200Grad. Zudem hatte Schäfer bereits 2022 verschiedene Politiker zum Thema Energiekostenzuschüsse kontaktiert – ohne Erfolg (siehe auch unser Bericht hier).

Die meisten Gründe für die Schwierigkeiten der Deutschen Steinzeug sind weitgehend bekannt: steigende Energiekosten, sinkende Erlöse, rückläufiger Fliesenmarkt, verschärfter Wettbewerb, steigende Rohstoffkosten – um nur einige zu nennen. Erste Warnsignale gab es bereits auf der letzten Hauptversammlung des Unternehmens Mitte 2023. Der Vorstand bezeichnete die Preisentwicklung bei Rohstoffen, Glasuren, Folien, Papier, Karton, Holz und Paletten als teilweise besorgniserregend. Ausschlaggebend für die jetzige Schieflage waren aber wohl Veränderungen der Tilgungsveranlagung laufender Kredite.

Schäfer war sich der schwierigen Lage bewusst. Nicht umsonst war er seit Jahren auf der Suche nach einem strategischen Partner. An erster Stelle stand dabei die Gruppo Concorde S.p.A. aus Modena in Italien, die bereits mit 30,42 Prozent beteiligt ist. Das italienische Unternehmen verfügt derzeit über insgesamt acht Werke und einen Umsatz von einer Milliarde Euro, ist also durchaus ein keramisches Schwergewicht, das die notwendigen Investitionen der nächsten Jahre stemmen könnte.

Dass die Übernahmebemühungen bislang erfolglos blieben, mag verwundern, da die Deutsche Steinzeug bzw. Agrob Buchtal – im Gegensatz zu den zahlreichen Anbietern von Wohnkeramik – gerade im Objektgeschäft bei Architekten und Planern international einen hervorragenden Ruf genießt. Die Objektorientierung der Deutsche Steinzeug liegt bei über 75 Prozent. Mit der Hytect-Veredelung und dem “trockenen Verlegeverfahren” Drytile hat Agrob Buchtal zwei technisch interessante Produkte im Portfolio, über die nur wenige Hersteller verfügen. Zudem ist der Exportanteil mit 45 Prozent vergleichsweise hoch, was angesichts der deutschen Baukrise von Vorteil ist.

Schäfer sah auf der letzten HV selbstkritisch Ansatzpunkte für Verbesserungen. „Wir müssen unsere Qualitätsprodukte noch besser vermarkten und wir müssen wegkommen vom Preisdiktat des Handels“, so Schäfer auf die Frage eines Aktionärvertreters.

Die Chancen stehen gut, dass die Deutsche Steinzeug den Neustart schafft. Das profitable Objektgeschäft und der hohe Exportanteil könnten noch zwei wichtige Rettungsanker für das Unternehmen werden. Das wäre auch mit Blick auf die hohe Mitarbeiterzahl enorm wichtig, immerhin stehen mit über 1.100 Beschäftigten fast doppelt so viele Arbeitsplätze auf dem Spiel wie bei der Steuler-Fliesengruppe.

 

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