Ein Sinnbild: die Cersaie in Zeiten von Corona. Alles Fotos: Redaktion

Cersaie 2021: Business as usal?

Erfolgreicher Re-Start mit weniger Besuchern

Wohl selten haben Aussteller und Besucher mit soviel Spannung auf eine Cersaie geschaut wie in diesem Jahr. Die letzte Veranstaltung lag immerhin zwei Jahre zurück, 2020 musst die Messe Corona bedingt ausfallen. Und auch in diesem Jahr musste man leider über Masken und Hygiene-Konzepte nachdenken. Doch trotz aller Bedenken hat die Cersaie einen erfolgreichen Re-Start hingelegt.

Es begann etwas holprig für die Cersaie 2021, doch dann ist die Messe immer besser in Tritt gekommen. Am ersten Messetag bildeten sich jedoch vor den Eingängen lange Schlangen. So mancher Besucher rechnete da wohl schon in Gedanken die Zeit durch, die ihm an den zukünftigen Messetagen angesichts der Eingangskontrollen verloren gehen würde. Ursache für den Stau waren vor allem Besucher aus Ost-Europa, die mit dem russischen Impfstoff Sputnik geimpft waren. Der QR-Code dieser Impfung ist wohl nicht Europa weit gültig, jedenfalls registrierten die Hostessen am Eingang beim Scannen permanente Error-Meldungen. Vor allem die zahlreichen russischen Besucher wollten aber unbedingt auf das Messegelände und es wurde dann sogar so turbulent, dass die Polizei einschreiten musste.

1,50 m Abstand sieht anders aus…

Am nächsten Tag waren die Probleme aber allem Anschein wohl behoben, denn es lief dann ohne Wartenzeiten recht zügig, bis man auf dem Messegelände war. Hier empfingen die Besucher die neuen, modernen Hallen, die das alte Außengelände ersetzen. Ein Zugewinn an Komfort und Ausstellungs-Qualität, denn auf dem alten Außengelände ging es je nach Wetter schon mal recht zugig oder heiß zu.

Werksbesuch statt Messehallen

Allerdings fanden nicht alle Besucher den Weg zur Messe, was jedoch nicht am falsch gescannten Impfpass lag. Vielmehr hatten sich viele italienische Hersteller dazu entschieden, ihre Kunden schon am Flughafen abzuholen und in die Werke nach Sassuolo zu fahren. Das ist keine neue Praxis, aber angesichts der noch bestehenden Corona-Risiken sind wohl vor allem deutsche Handelskunden auf diese Einladungen verstärkt eingegangen. Man kann Besucher und Aussteller verstehen, dass sie diese Art der Neuheiten-Präsentation vorziehen, birgt es doch für die Besucher weniger Gesundheits-Risiken und für die Hersteller den Vorteil, dass sie die geschätzte Handelskundschaft ganz für sich allein haben. Allerdings untergraben die italienischen Hersteller damit ein Stück weit auch ihre eigene Messe und man kann nur hoffen, dass sich diese Praxis im nächsten Jahr nicht auf breiter Front fortsetzt.

Generell berichteten uns die Aussteller, dass die deutschen Kunden nur sehr spärlich bis gar nicht in Bologna präsent waren. Wenn traf man vornehmlich Kunden aus dem süddeutschen Raum. Das Besucherinteresse aus den Ländern der Europäischen Union und auch aus Osteuropa war hingegen normal. Es fehlten die Besucher aus Indien und aus den asiatischen Märkten. Deshalb war es in einigen Gängen gefühlt etwas leerer. In den Messehallen mit den großen italienischen Marken herrschte jedoch eine Gedränge wie eh und je. Viele Aussteller zogen zwar das Resümee, insgesamt weniger Gespräche geführt zu haben, jedoch sei die Qualität dafür oft besser gewesen als bei früheren Veranstaltungen.

Hygiene-Konzept nicht erkennbar

Viele Hersteller, die der Messe dieses Jahr fern geblieben sind, dürften angesichts des ingesamt reibungslosen Messeverlaufs ihre Entscheidung eventuell bereut haben. Dass es so gekommen ist, hat sich die Messe allerdings auch ein Stück weit selber zuzuschreiben. In Bezug auf ihr viel erwähntes Hygiene-Konzept blieben bis kurz vor Öffnung der Messe-Tore für viele Aussteller so viele Fragezeichen, dass sie lieber ganz verzichteten. Auch wir haben – trotzt mehrfacher Nachfragen bei der Messe – bis heute nicht erfahren können, was sich die Messe da vorgestellt hatte.

Scan der Besucherkarte am Stand von FAP.

Vor Ort musste man allerdings erstaunt feststellen, dass es eigentlich gar kein Hygiene-Konzept gab! Das Thema Hygiene lag ganz in den Händen von Ausstellern und Besuchern und deren Verantwortungsbewusstsein. Die Einlass-Kontrollen sind schließlich staatliche Auflagen. Auf der Messe selbst war nichts zu erkennen, was an ein Hygiene Konzept erinnern könnte: keine Laufrichtungen, keine Besucher-Zählungen, keine Aufpasser für das korrekte Tragen von Masken etc. Nur bei einigen Herstellern gab es am Eingang des Messestands einen Scan des QR-Codes von der Eintrittskarte. Zudem hatten einige Aussteller ihre Stände so konzipiert, dass der Zutritt nur über einen Eingang erfolgen konnte und man so das Geschehen am Stand besser im Blick hatte. Man darf gespannt sein, ob die Inzidenzzahlen in der Emilia Romana in den folgenden Wochen aufgrund der lockeren Bestimmungen auf der Messe ungewöhnliche Zuwächse aufweisen werden.

Immer weniger klare Trends

Bei den Neuheiten sind die Trends schnell erzählt. Marmor-Imitationen in perfekter Natursteinoptik, zum Teil mit matten Oberflächen, waren 2021 der Renner. Und Großformate, Großformate, Großformate. Gerne mit großen Blumen-Motiven. Die Glasurtechniken haben sich durch die Digital-Technik zudem so verbessert, dass auch feinste Strukturen und haptische Formgebungen möglich sind. Leider hat die Digital-Technik in den letzten Jahren auch dazu geführt, dass jeder Hersteller eigentlich alles kann – und auch alles macht. Die Trendsetter unter den Produzenten sind somit ein Stück weit ausgestorben.

Gleich zwei Trends auf einem Foto: Großformate und Marmoroptiken.

Und letztendlich muss man sich als Besucher und Aussteller auch erneut die seit fast 20 Jahren diskutierte Frage stellen, ob eine jährliche Cersaie überhaupt sein muss und ob ein zweijähriger Rhythmus nicht vollkommen ausreicht, schließlich ist die Fliese kein kurzlebiges Mode-Produkt. Denn nach der Messe vergehen ohnehin einige Monate, bis die Neuheiten in den Regalen und Schränken des Handels landen. Und wenn die Bemusterung gerade abgeschlossen ist, kommt schon die nächste Cersaie um die Ecke.

Aber eine Messegesellschaft wird nicht freiwillig die Kuh vom Eis treiben, die sie fleißig melkt. Und solange der italienische Herstellerverband Confindustria Ceramica da nicht eine Trendwende herbeiruft, wird sich am jährlichen Turnus der Cersaie also auch in den nächsten 20 Jahren wenig ändern.

Euphorie für ein Stück Messe-Normalität

Allerdings dürften die Drohungen der Messeleitung, dass die Hersteller, die ihre angestammten Platz auf der Messe aufgegeben haben, keinen neuen bekommen würden, an Droh-Potential erheblich verloren haben. Schließlich gab es dieses Jahr sogar Hallen, die gar nicht genutzt wurden, ergo steht eine Menge an Ausstellungsfläche noch offen.

Feinste, fühlbare Glasur-Designs mit Inkjet-Technik
Auf der Cersaie 21 erblühlten florale Designs an vielen Ständen

Bei aller Kritik muss man auch positiv festhalten, dass man der Cersaie zugute halten muss, dass sie ihre Messe gegen alle Bedenken durchgeboxt hat und damit für die Branche ein positives Zeichen gesetzt hat. Denn die Euphorie, nach Corona endlich wieder eine richtige Messe besuchen zu können, Gespräche mit Freunden und Kunden live zu führen, Produkte anfassen zu können, war fast überall spürbar. Auch wenn es nicht einfach war, einen gesamtem Messetag unter einer Maske zu verbringen. Und so hoffen alle, dass es in 2022 wieder eine ganz normale Messe geben wird – ohne Masken und ohne Einlasskontrollen.

Diskussionen über Preis-Erhöhungen

Was die Branche allerdings auch über die Messe hinaus noch weiter beschäftigen dürfte in den nächsten Monaten, ist eine saftige Preiserhöhung bei vielen Produkten. Von jeher ein besonders in der Fliesenbranche besonders sensibles Thema. Aber erhöhte Gas- und Strompreise, teure Rohstoffe, teure Container-Lieferungen und drastischen Preiserhöhungen bei Holz-Paletten erzeugen bei den Produzenten einen Druck, den sie zwangsläufig über kurz oder lang weitergeben müssen. Die Solidarität in der Branche dürfte da auf eine harte Probe gestellt werden, denn der Handel reagiert da traditionell sehr empfindlich.

Wir werden in den folgenden Tagen noch ausführlich über einzelne Hersteller und deren Neuheiten berichten. Derweil empfehlen wir Ihnen zur ersten Information unsere kurzen Messe-Videos, die Ihnen kurz, prägnant, informativ und schnell einen Überblick über diverse Hersteller und Innovationen vermitteln. Sie finden die Filme aktuell auf unserem facebook-Kanal und in den nächsten Tagen auch auf unserer Internet-Seite.

Wer die Wahl hat hat die Qual. Aber was kostet das demnächst?

 

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